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    <title>Short, but tender (Jeden Monat eine neue Story.) : Rubrik:Stories</title>
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    <description>Jeden Monat eine neue Story.</description>
    <dc:publisher>Autor.in</dc:publisher>
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    <title>Short, but tender</title>
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    <title>Kurze Geschichte vom langen Sex</title>
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    <description>Es beginnt mit einem lautlosen Vibrieren, das an den Schleudergang einer beladenen Waschmaschine erinnert, wenn sie sich allmählich in Schwung wuchtet und erst den Boden, auf dem sie steht, in Schwingung versetzt, sich dann auf die Wände überträgt, die mit dem Holzboden meines Zimmers verbunden sind und schließlich auf das Holzgestell meines Bettes. Ich spüre die Vibration in meinen Waden.&lt;br /&gt;
Wir liegen durchgeschwitzt nebeneinander, die Glückseligkeit ist auf dem Weg zum Fenster in den Gardinen hängen geblieben. Das Zittern beginnt von neuem, begleitet von einem weiblichen Röhren und einem männlichen Miauen, als vertauschten sich die Stimmen. Nach einer kleinen Pause ertönt in der Wohnung unter uns wieder der Bass des Mannes. Sie sprechen miteinander.&lt;br /&gt;
Meinen Freund überkommt es noch einmal, das merke ich daran, wie er sich an mich schmiegt und mich nicht nur mit seinem Bein in Beschlag nimmt, sondern von dieser Stellung einen kleinen Lustgewinn bezieht. Unter uns stöhnt und quietscht die Frau, als riefe sie um Hilfe. Die Scheiben im Fenster beginnen zu klirren.&lt;br /&gt;
Ich kann nicht, sage ich, und vom unterdrückten Lachen schüttelt es meinen Bauch. Das ist das erste Mal, dass ich im Bett laut spreche, bisher hatte ich geflüstert, als gälte es, etwas Heimliches zu bewahren. Meinem Freund liegt das Flüstern nicht, wenn er es versucht, muss er am Morgen einen Pfropf aus der Kehle husten.&lt;br /&gt;
Die Beiden unter uns haben den Sex ihres Lebens, sagt er.&lt;br /&gt;
Ein paar Wochen später geht unsere Beziehung in die Brüche. Ich frage mich, ob man nicht mit jedem Tag das Recht auf eine gemeinsame Zukunft erwirbt. Aber ich glaube, man hat kein Recht auf irgendetwas, außer zu sterben, maximal. Nach zwei Wochen taucht mein Freund mit einer Neuen auf. Nicht unser sichtbar gemachtes Ende macht mich wütend, sondern dass er unserer Geschichte keine Zeit zum Nachklingen lässt. Er überdeckt sie mit einer neuen Frau, mit der er nicht lange zusammen bleiben wird, das sehe ich auf den ersten Blick. Die Bettwäsche von unserem letzten Mal habe ich mit spitzen Fingern abgezogen, sie liegt gewaschen und ungebügelt im Schrank.&lt;br /&gt;
Es ist halb eins, der Boden vibriert. Ich frage mich, wie stabil so ein Gründerzeithaus eigentlich ist. Ob es nicht irgendwann Risse im Putz gibt, oder im Mauerwerk. Wir hatten den Sex des Lebens auf drei Jahre verteilt. Unter mir wieder das Gestöhn. Dann reden sie miteinander. Dann dröhnt auf der Straße ein Motor. Der Bass fährt zu seiner Frau nach Haus.</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://shortbuttender.twoday.net/topics/Stories&quot;&gt;Stories&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Autor.in</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-01T00:01:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://shortbuttender.twoday.net/stories/4660853/">
    <title>Staubtrockenheit</title>
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    <description>Sie sind überall. Mit ihren Brillen und streng nach hinten gekämmten Pferdeschwänzen, die unsere angehenden Akademikerinnen aussehen lassen wie Zwölfjährige. Mit überpuderten Pickeln, weggespartem Lippenstift. Sie tragen Hosen, körperbetont mit der Betonung auf wenig ausgewogene und schon gar nicht wogende Hinterteile. In der Linguistik ist es das Gleiche wie in den Naturwissenschaften und in der Abteilung für Psychologie. Nur in die Kulturwissenschaften verirren sich vereinzelt praktizierende Ästhetinnen, die jedoch, wenn ich das nächste Mal aufblicke, eine besitzergreifende Pranke auf ihrer Schulter liegen haben. Von einem männlichen Wesen, das eher zur ersten Kategorie Frau gepasst hätte, versteht sich.&lt;br /&gt;
Heute erklimme ich, meine Bücher unter dem Arm, die Wendeltreppe zur Philosophie. Das Thema für mein Referat hat mich nach einer halben Stunde des Ringens gepackt. Nach zwei Stunden jedoch fangen die Buchstaben unter meinen Augen an zu einem hellgrauen Brei zu verfließen und mir wird klar, dass der Inhalt der Zeilen schon seit der letzten Seite nicht mehr zu mir vorgedrungen war. Ich lege die Brille beiseite und breite die Arme über meinen Spiralblock und lege den Kopf in die weiche Mulde. Das Papier bildet eine Isolationsschicht zwischen meiner Wange und der Nacktheit des lackierten Holzes. Nirgends kann man so wunderbar schlafen wie in einer Bibliothek. Die gedämpften Geräusche verwischen zu dem so genannten weißen Rauschen, das einen an die Zeit im Mutterleib erinnern soll. &lt;br /&gt;
Ich hörte eine weiche Stimme. Sie ließ mich aus dem Uterus auftauchen und am Ufer der Realität stranden, wo allerdings ein sehr weich gezeichnetes Dekolleté in meinen Blick fiel. Ich setzte die Brille auf und war begeistert darüber, dass der Weichzeichner nur unwesentlich nachließ.&lt;br /&gt;
Du hast das einzige Exemplar, sagte die weiche Stimme; ich müsste nur das Inhaltsverzeichnis kopieren.&lt;br /&gt;
Sie entschuldigte sich dafür, dass sie mich geweckt hatte.&lt;br /&gt;
Nein, das war gut, ich hab so viel zu tun, sagte ich und tat schlaftrunken, obwohl ich innerlich schon am Drähte ziehen war. Wie ließen sich meine Wünsche miteinander verbinden, da sich die Cafeteria auf der einen und der Kopierer auf der anderen Etage befanden?&lt;br /&gt;
Ich bräuchte auch eine Kopie, sagte ich nach dem Durchleben von Stundensekunden denkerischer Höchstleistung. Am Kopierer fiel mir auf, dass ich meine Chipkarte nicht dabei hatte und sie lud mich auf fünf Kopien ein, worauf ich sie auf einen Kaffee einladen konnte. Ich trank zwei Espressi, während sie an ihrem Milchkaffee nippte. Dann nahm ich die junge Frau mit zu mir nach Haus. Ich hatte noch deutlich im Ohr, wie sie sagte, sie hätte mich überall gesucht, weil es nur ein Exemplar gab, wie man ihr an der Ausleihe mitgeteilt hatte und ich sagte mir, nun, da sie mich gefunden hatte, konnten wir ja gleich zu mir gehen.&lt;br /&gt;
Sie kam aus dem Bad halb entkleidet zurück, den Rest ihrer Kleidung legte sie vor meinen Augen ab. Sie löste auch ihren Haarknoten und das rossbraune Haar wallte zu beiden Seiten herunter wie bei einer Figur von Edgar Munch. Sie ließ sich auf mir nieder. Mit dem Auskleiden war ich doppelt so schnell gewesen wie sie, aber angesichts ihrer ausgeprägten Reize fühlte ich mich voll gerüstet und im Klaren darüber, an ihren überweichen Klippen zu bersten. Sie überflutete mich mit ihren samtenen Haaren, unter der meine Haut lustvoll zu Gänsehaut gefror. Etwas Warmes, Feuchtes ging von ihrer Körpermitte aus und schwappte in meinen Schoß, wo mein Fischlein zuckend zu immer ungeheuer werdender Größe anwuchs und sich in den Lippen ihres zweiten Gesichtes wand. Das Wasser überströmte meine Brust, stieg zum Hals. Es schmeckte salzig, es überspülte mich, ein Blubbern entglitt mir, sie wand sich auf mir, schrie lustvoll - Cri du chat - fiel mir ein und ich war stolz darauf, auch in dieser Lage noch Herr über mich zu sein, sie sang wie eine Sirene, wie das Signal der Bibliotheksansage. Sehr geehrte Nutzer. Wir schließen in wenigen Minuten. Ich hob den Kopf. Mein Rachen fühlte sich rau an. Eine Pfütze aus Speichel hatte sich auf meinem Spiralblock gesammelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Rechte vorbehalten</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Autor.in</dc:rights>
    <dc:date>2008-02-01T11:01:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://shortbuttender.twoday.net/stories/4584175/">
    <title>Hanane</title>
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    <description>Kaum hatten wir den Vorraum durchschritten, umgab uns der Geruch von Moos. In dichten Schleiern stieg die heiße Feuchtigkeit auf. Aus vergoldeten Schlangenköpfen floss unaufhörlich das Wasser. Ich füllte eine Schale und ließ das Wasser in die Zweite überschwappen, hin und wieder zurück. Ich hatte ein Tüchlein unter mich gelegt, so wie die Tante es mir gezeigt hatte. Wenn ich mich drehte und beugte, spürte ich den nassgesogenen Stoff. Ich ließ das Wasser über meinen Rücken laufen, dann über die Brüste. Es jagte mir einen Schauder ein, immer noch war es ein wenig zu heiß. Die Tante seifte mich ein, schrubbte meinen Rücken und schlug mit dem Lappen, dass es schäumte. Dabei dachte sie an den unglücklichen Onkel, der für ein Jahr von der Familie weggeschickt worden war, weil er seine schwarzen ausufernden Augen nicht von mir lassen konnte. Meine Beckenknochen scheuerten auf den Kacheln, aber ich gab keinen Ton von mir.&lt;br /&gt;
Ich trocknete mich ab und hüllte mich in ein Laken. Die Tante bestellte einen Tee für uns und ich ließ mich auf einem Teppich nieder, schob mir die Seidenkissen mit Knöpfen und goldenen Troddeln zurecht. Musik wurde angestellt. Ich nippte an dem Gläschen. Die Tante redete mit gedämpfter Stimme und flinken Handbewegungen mit den anderen Frauen, die wie Schiffe aus Fleisch auf einem trägen Meer wogten.&lt;br /&gt;
Ich träumte meinen liebsten Traum.&lt;br /&gt;
Ich hätte einen Raum für mich allein mit einem großen Spiegel darin. Vor ihm würde ich einen Tanz üben, mit dem ich meinem zukünftigen Mann gefallen würde. Wenn ich mir vorstellte, wie er sich mit begehrlichen Blicken bis zum Ende des Tanzes zügeln musste, sah ich Farshad, meinen mittleren Bruder vor mir. Der hart ausgestoßene Schlag der Musik drang in meinen Körper und wurde weich aufgefangen. Ich kreuzte die Enden eines dreieckigen Tuches über der Brust. Der durchscheinende Stoff glitt über meine Brüste. Die Fransen ahmten mit kitzelnden Schwüngen das ruckartige Winden meines Körpers nach. Ich griff in die Luft, um das schöne Gesicht meines Geliebten zu umschreiben. Ich schob meinen Rock in beiläufigen Bewegungen über die Hüften, sah Farshad an den Stäben des Brudergefängnisses rütteln und schreien, ohne das ein Ton aus ihm drang.&lt;br /&gt;
Zeit für die Massage, Hanane, sagte die Tante. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[...]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu Ende lesen demnächst im Buchladen</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
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    <title>Das Casanova-Gen</title>
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    <description>Seine Entzweiung vom Mutterleib und damit eigentlich von der ganzen Welt, hatte schon vor der offiziellen Geburt begonnen. Sie bedeutete die Glasscheiben des Brutkastens. Später trennten sich seine Eltern. Er sprach nicht oft darüber, aber es war schon klar, dass er sich mit dem Fehlen von Mutterbrust und funktionierendem Familienmodell aus der Verantwortung ziehen wollte. Sein Leben verlief als zickzackförmige Vorwärtsflucht auf der Spur einer jeweils brandheißen und bestenfalls großbusigen Frau. Manchmal geriet er an eine kleinbusige, familiäre Frau, aber immer kam etwas Neues dazwischen. Aus diesem Grund beschrieb er sein Telefonbuch nur mit Bleistift und konnte so die nicht mehr aktuellen Nummern problemlos ausradieren. Mit zweiunddreißig fühlte er sich eine Zeitlang todsterbenskrank. Der Arzt konnte nichts feststellen außer einer Katzenhaarallergie. Mit fünfundvierzig befiel es ihn noch mal, als seine ehemaligen Kommilitonen schon mit ihren Kindern Abituraufgaben lösten. Er ließ seinen Samen und sein Blut untersuchen und weil die Wissenschaft schon sehr fortgeschritten war, konnte man ein Gen nachweisen, das man auch in den jahrhundertealten Knochen von Don Juan und Giacomo Casanova entdeckt hatte: Das Casanova-Gen. Nach diesem Befund fand er sich mit seinem ohnehin nicht besonders unbequemen Schicksal ab, ja, es lieferte eine Erklärung, die noch unanzweifelbarer war als jede zuvor bis nach ein paar Wochen ein Ergebnis nachgereicht wurde. Man hatte die frische Untersuchung mit der Blutentnahme aus seiner Frühchenzeit verglichen und konnte dort kein solches Gen entdecken.</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Autor.in</dc:rights>
    <dc:date>2007-12-01T09:00:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://shortbuttender.twoday.net/stories/4382908/">
    <title>Ein Tag wie jeder</title>
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    <description>Die Erledigung hatte ein wenig länger gedauert als erwartet. Als ich aus dem kathedralartigen Portal der Bank trat, versuchte sich ein Hupgeräusch den Weg durch die dröhnende Eintönigkeit des Großstadtverkehrs zu bahnen. Ich sah eine junge blonde Frau unter dem morgenblauen Himmel in der offnen Tür ihres Wagens stehen. Der routinemäßige Wechsel von Hupen und Loslassen hinterließ in ihrem Gesicht weder Anzeichen von Wut noch Resignation. Das Auto, das ihr die Möglichkeit zum Wegfahren versperrte, war meines. Ich bediente die Türentriegelung nicht aus einer imponierenden Entfernung, wie sonst manchmal. Im Gegenteil, ich hoffte, dass sie das unterdrückte Quietschen der Zentralverriegelung als eine Art Entschuldigung auffasste. Ich schaltete gedankenlos den Motor ein und sah beim Blick über die Schulter, dass die Frau noch immer in der Tür ihres Wagens stand. Die Sonne fiel direkt in ihre Augen. Ihr helles Haare wurde umgeben von einem rötlich goldenen Schein.&lt;br /&gt;
Ich ließ die Scheibe herunter.&lt;br /&gt;
Wollen Sie einen Kaffee mit mir trinken?&lt;br /&gt;
Sie sah mich an, wie erwachend und ohne Anzeichen von Ärger.&lt;br /&gt;
Ja, warum nicht, erwiderte sie langsam.&lt;br /&gt;
Ich kenne um die Ecke einen netten Platz, sagte ich, meine Ungläubigkeit unterdrückend.&lt;br /&gt;
Sie schloss ihr Auto ab, sie meinte, dass sie wohl einen ganz passablen Parkplatz hätte und daher das Stückchen auch mit mir fahren könnte. Sie stieg in meinen Wagen und ich fuhr wie in Trance durch meine Stadt, erinnerte mich vage, manche Ecken schon mal gesehen zu haben. Wir fanden einen Parkplatz nahe dem Retiro. Dann schritt sie neben mir her, die Kiesel knirschten unter den Füßen. Über den Teich schwappte Gitarrenmusik, jemand, den man nicht sehen konnte, plimperte Stairways to heaven. Als hätte sie erraten, was ich dachte oder was mir diffus durch den Kopf ging, schmunzelte sie hörbar, während wir drei, vier Stufen erklommen und auf ein leeres Parkcafé zusteuerten.&lt;br /&gt;
Was hatten Sie denn heute noch vor, mit Ihrem Tag?, fragte ich.&lt;br /&gt;
Das erzähl ich Ihnen später. Erst sind Sie dran.&lt;br /&gt;
Ich sah eine getigerte Katze hinter einer Reihe von Büschen entlang huschen und fragte mich, wie sie hier her kam und vor allem, wie wieder heraus, über die schwer befahrenen Straßen, die den Retiro umgaben.&lt;br /&gt;
Mein Tag? Ganz gewöhnlich, ein paar Termine, etwas am Rechner sitzen, am Abend ein Essen mit Geschäftspartnern.&lt;br /&gt;
Ich entschuldigte mich nach diesem Stichwort, rief im Büro an, schwindelte gelinde in das Mobiltelefon und schaltete es aus.&lt;br /&gt;
Nun Sie, sagte ich und wagte, ihre ausgestreckt auf dem Tisch liegende Rechte mit meinen Händen einzuzäunen. Einzumauern. Ich nahm eine Hand wieder weg.&lt;br /&gt;
Ich wäre mit dem Zug elf Uhr fünfundvierzig nach Barcelona gefahren, um dort morgen zu heiraten.&lt;br /&gt;
Oh, gratuliere, sagte ich reflexartig. Ich schaute eine Weile auf das Wasser. Der unsichtbare Gitarrenspieler suchte gerade in seinen Noten.&lt;br /&gt;
Das bedeutet, ihr Ticket ist gerade ungültig geworden, sagte ich. Das tut mir leid, ich ersetze es Ihnen selbstverständlich.&lt;br /&gt;
Nein, nein, sagte sie, Ihnen geht wahrscheinlich auch ein wichtiges Geschäft durch die Lappen.&lt;br /&gt;
Durch die Lappen, hatte sie tatsächlich gesagt. Ein Geschäft. Ich berührte ihre Hand und wollte sagen, dass die Geschäfte bei mir alles andere als schnell und verbindlich vonstatten gingen, aber ich sagte: Ein Geschäft ist doch nichts im Vergleich zu einer Hochzeit.&lt;br /&gt;
Das kommt darauf an, sagte sie und lachte.&lt;br /&gt;
Mich überkamen ungeahnt kitschige Wallungen angesichts ihrer Augen. Bisher hatte ich Blau mit Klarheit und Kühle verbunden und verspürte höchstens einen exotischen Reiz, aber ihre Augen empfand ich als klar und warm. Die engmaschige Lehne in meinem Rücken schien nachzugeben, so dass ich fürchtete, nach hinten weg zu sinken.&lt;br /&gt;
Ist Ihnen nicht wohl?, fragte sie mit besorgter Stimme.&lt;br /&gt;
Doch, sehr.&lt;br /&gt;
Sie holte ein Tuch aus ihrer Tasche und tupfte mir den Schweiß von den Schläfen. Ich hatte noch nie zuvor an meinen Schläfen geschwitzt. Sie rief nach einem Glas Wasser.&lt;br /&gt;
Mir, sagte ich, nachdem ich das Glas in einem Zug geleert hatte, mir ist schon viel passiert, aber das nicht.&lt;br /&gt;
Was?, fragte sie, ihre Augen aufmerksam in meine versenkend. Ich konnte diesem Blick nicht lange standhalten und verspürte den merkwürdigen Zwang, genau das zu sagen, was ich dachte.&lt;br /&gt;
Ich würde gern mit Ihnen sein.&lt;br /&gt;
Mit mir schlafen?&lt;br /&gt;
Die Frage versetzte mir einen Stoß.&lt;br /&gt;
Nein, nein, verstehen Sie mich nicht falsch.&lt;br /&gt;
Sie sind verheiratet? Und katholisch?&lt;br /&gt;
Ja nein, ich meine, katholisch, ja.&lt;br /&gt;
Sie öffnete ein Zuckertütchen und leerte es in den Kaffee, den sie bisher ohne etwas getrunken hatte. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und beging jede Bewegung mit einer Kontenance, die wirkte, als sei sie jeder Situation gewachsen.&lt;br /&gt;
Wie haben Sie denn Ihren Bräutigam kennen gelernt, fragte ich mit dem festen Entschluss, mein Leben wieder in meine Hände zu nehmen.&lt;br /&gt;
Vor acht Jahren. Auf einer Insel. Vor einem Jahr sind wir dann endlich zusammen gekommen.&lt;br /&gt;
In meinem Kopf rumorten die Sätze.&lt;br /&gt;
Ich habe noch die Schlüssel zu meiner alten Wohnung, sagte sie.&lt;br /&gt;
Sie möchten also nichts mehr trinken?&lt;br /&gt;
Sind Sie nun verheiratet oder nicht, fragte sie auf einmal nachdrücklicher.&lt;br /&gt;
Ich konnte nicht lügen. Wieder das Gefühl, den Halt des Stuhles zu verlieren, diesmal zog er sich unter mir weg in Richtung Boden.&lt;br /&gt;
Ich könnte mich scheiden lassen, sprach es aus mir heraus. Im gleichen Moment schimpfte eine Stimme los, die ich bisher nicht kannte.&lt;br /&gt;
Was redest du denn da für eine verdammte Scheiße?&lt;br /&gt;
Sie hatte Recht, die Stimme in meinem Innern, die hoffentlich nur in meinem Innern zu hören war. Noch gestern hatte ich nach etlichen Drinks meinem Kumpel anvertraut, dass meine Frau mir wie eine letzte Bastion vorkam, besonders jetzt, in der Wirtschaftskrise. Und noch heute morgen (ich sah automatisch auf die Uhr, um festzustellen, dass es gerade vier Stunden her war), hatte ich einen Kuss in die Schlafwärme zwischen ihre Wange und das Kopfkissen gedrückt, im Stillen dankbar, dass sie ihren sehnlichen Wunsch nach einem Kind noch einmal, wieder einmal aufschob, für uns.&lt;br /&gt;
Die Kellnerin kam auf das Zeichen hin, das ich in die Luft geschrieben hatte. Ich griff in mein Portemonnaie, das Geld fügte sich in meine Hand wie ein Lappen, ein Lappen aus abgegriffenem Papier.&lt;br /&gt;
Wir fuhren zu der Adresse, die sie mir genannt hatte. Wir redeten nicht. Die Musik passte nicht zu meiner Stimmung. Ich wusste nicht, welche Musik gepasst hätte. If I could fly, gab es so ein Lied?&lt;br /&gt;
Ich brauche nicht unbedingt Musik, sagte sie, sagte sie weich. Nicht weichgespült, sondern in der natürlichsten Verbindung von klar und weich. Wir hielten vor einem zeitlosen Haus. Sie bediente den Lift und öffnete die drei Schlösser zu der Wohnung mit gewohnten Handgriffen.&lt;br /&gt;
Ich wartete darauf, dass in dem Film, in dem ich ungefragt mitspielte, das erwartete Unerhörte eintrat, dass hinter der Tür meine Frau stand mit einem Schild um den Hals Überraschung, mein Schatz. Oder dass mich die Frau in den S/M-Keller unter ihrer Küche führte.&lt;br /&gt;
Hast du Hunger?, fragte sie. Ich bin Spezialistin für schnelle Gerichte.&lt;br /&gt;
Ich, danke, ich hab keinen Hunger. Wo ist denn das Bad?&lt;br /&gt;
Die Stille zwischen den Kacheln sollte mir helfen, mich wieder zu finden. Stattdessen stellte ich fest, dass im Bad die Ritzen neu verfügt waren und die Fliesen ihrem Ursprung nach azurblau . Das Haar, das sich halb unter dem Bodentuch ringelte, ließ mich fühlen, als wäre ich hier zu Hause. Wahrscheinlich saß ich sehr lange auf dem geschlossenen Toilettendeckel.&lt;br /&gt;
Sie hatte ein paar Häppchen auf einer Platte arrangiert. Alles was der Eisschrank hergegeben hat, sagte sie. Eine Mischung aus mediterraner und mitteleuropäischer Küche: Muscheln in einer Meerrettich-Creme und Tintenfischringe in Käsemantel. Durch das Hellblau ihrer dünnen Bluse ahnte ich das Blumenmuster ihres BHs, ahnte die Form ihrer Brüste, nicht üppig, sondern in Harmonie mit ihrem ranken Körper. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich etwas sagen müsste. Ich ließ sie mein Hemd aufknüpfen. Ich küsste ihren Hals. Zu sanft. Verdammte Scheiße, hämmerte die Stimme von innen gegen den Kopf, aber irgendwie nur formal, kraftlos. Warum auch strichen ihre Finger so über meine Brust, als wollten sie gar nicht um jeden Preis mein Hemd abstreifen, als meinte sie wirklich mich, einen Mann, der bis heute morgen noch zufrieden war mit seinem Leben.</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Autor.in</dc:rights>
    <dc:date>2007-11-01T09:30:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://shortbuttender.twoday.net/stories/4233690/">
    <title>Nachtpost</title>
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    <description>Ich lege den Taschenrechner beiseite, unterschreibe, falte das Papier mit geübtem Augenmaß, füge die Klebe-Laschen aneinander. Dann schäle ich mich aus meiner Tageskleidung, stelle mich in die Badewanne, das Email unter den Füßen bleibt kalt. Ich habe keine Geduld, Wasser einlaufen zu lassen. Ich verbrauche beim Duschen so viel Wasser wie andere beim Baden, heißes Wasser. Rot wird meine Haut, leuchtend von innen, fleischig. Ich dehne mich in meiner Haut aus, fühle etwas in mir pulsieren, gegen den Schlaf, zu dem ich mich zwingen müsste. Ich ziehe mein Nachthemd über, blaue Blümchen auf weißem Baumwollgrund. Ernst schnarchelt leise im verzerrten Lichtkarree, dass die Badezimmerlampe zu ihm herüber wirft. Er steht morgens um Sechs auf und muss deshalb abends um Zehn ins Bett. Ich ziehe meinen schwarzen Rock über, der noch vom Theater am Wochenende über dem Paravent hängt, Wollstrümpfe, meine bequemsten Schuhe, die wie Wanderschuhe aussehen, weshalb ich sie in der Stadt eigentlich nicht tragen kann. Einen Wollschal lege ich über Brust und Bronchien. An meinem Pelzmantel hängt ein Knopf nur noch an wenigen Fäden, aber ich hätte keine Geduld für Nadelöhr und Faden. &lt;br /&gt;
Auf den Stufen einer Familienvilla flackert Licht in dem ausgestochenen Schlund eines Kürbisses. An der Hauptstraße verdoppeln sich die Laternen und ihr Licht. Der Briefkasten, der nah am Bordstein steht, leuchtet in schmutzigem Gelb. Nur kurz, mit dem Blick auf die Bushaltestelle für den Flughafenzubringer, der Gedanke, der beginnenden Winterstarre, den kahlen Ästen zu entkommen. Ich greife in meine Manteltasche und finde nichts als ein zerknülltes Papiertaschentuch. Hinter den Klappe gähnt dunkle Tiefe, am Tag öffnet manchmal jemand von der anderen Seite, dann fällt unvermutet Licht ein und es ergibt sich ein Durchblick oder ein Blick in ein fremdes Augenpaar, dass genau wie ich dem Brief noch eine Weile folgen will, wie um sicher zu stellen, dass er wirklich im Kasten landet. Ich lasse die Klappe sinken. Nicht weit von mir fällt etwas plimpernd zu Boden. Eine Münze rollt über das Gehwegpflaster und gerät in einen Spalt. Ich hebe sie auf, die Münze ist groß wie ein 50-Cent-Stück, aber Prägung erscheint mir seltsam.&lt;br /&gt;
Wie wärs mit San Salvador?, fragt eine dumpfe Stimme aus der Bushaltestelle. Sie kommt von einem schwarzen Mantel, unter einem tief gezogenen Hut hervor. Ich strecke dem Mann etwas zittrig die Hand mit dem Geldstück entgegen.&lt;br /&gt;
Ich glaube, Sie haben etwas verloren.&lt;br /&gt;
Du kennst mich nicht?&lt;br /&gt;
Ich versuche etwas zu finden, an dem ich mich festhalten kann. Nichts. Meine Augen gleiten ab. Natürlich kennst du mich.&lt;br /&gt;
Ich glaube, Sie verwechseln mich, sage ich und lasse meine ausgestreckte Handfläche federn, um den Mann an sein Geldstück zu erinnern. Auf meiner Hand liegt, eingerollt in die Mulde der Fingeransätze, ein Geldschein.&lt;br /&gt;
Alles, was du dir wünscht, sagt die Stimme.&lt;br /&gt;
Ich stehe in der leeren Bushaltestelle und entfalte mit einem Grauen den Schein. Ein Lachen hallt um die Straßenecke. Vielleicht sind es auch die Geräusche des Busses, dessen Räder in den toten Straßenbahngleisen ächzen.&lt;br /&gt;
Der Bus öffnet die Tür, geht in die Knie, neigt mir die Trittfläche entgegen, es klingt, als würde Luft aus der Hydraulik entweichen.&lt;br /&gt;
Zum Flughafen, nehm ich an, oder was denn nun, sagt der Fahrer und: Haben Sie es nicht kleiner. Das kann ich beim besten Willen nicht wechseln. Na, gehen Sie schon durch. Da kommt heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
Ohne zu danken, ohne zu denken, greift eine Hand nach der Haltestange, tastet sich vor, setzt sich ein Fuß vor den anderen bis zu einem Platz. Ich spüre die Wärme des beheizten Sitzes.&lt;br /&gt;
Vor dem Flughafen zieht eine Reinigungsmaschine eine einsame Runde. Das Gebäude ist spärlich beleuchtet, auf den Anzeigen stehen die Flüge für den nächsten Morgen.&lt;br /&gt;
Ich hoffe, du hattest eine gute Fahrt, raunt die Stimme von vorhin in meinen Nacken. Im Schatten seines Hutes kann ich nun seine Augen sehen. Rote Punkte tauchen auf und verlöschen. Die anderen Frauen sind in Festlichkeit gehüllt. Sie schweigen betriebsam. Sie mustern mich. An der Passkontrolle geben sie Ausweise, Schmuck und Geld ab. Der Mann schreitet als Erstes auf die Sicherheitskontrolle zu. Unter dem in den Raum gestellten Tor löst er sich auf. Ich werde sanft und beinahe tonlos geschoben und gestoßen. Mein Herz wummert von innen aus mir heraus, will es mir scheinen. Noch immer verläuft alles lautlos. Die Frauen durchschreiten das Tor und gehen in die Luft über, sie verschwimmen mit dem Raum, lösen sich in ihm auf. Ich halte mein linkes Handgelenk, um mich meiner zu versichern. Doch, da bin ich noch, ich fühle den Knochen und wenn ich die Hand beuge, rührt sich eine Sehne, ich halte mich an mir fest, auch wenn ich bei aller Helligkeit nichts mehr sehe. Ich spüre in meinem Bauch, wie die Sogkraft der Erde nachlässt. Ich hebe die Arme, falle in die Horizontale, die mich auffängt wie ein Kissen aus Luft. Mit diesem Auftrieb steige ich langsam, balanciere mich mit den Armen aus.&lt;br /&gt;
Das Dach der Halle schrumpft unter mir. Schwüler Nachtwind und Dunkelheit umhüllen mich. Fern der dunkel orange farbene Schein über der Großstadt. Und ein steter Ton, wie eine Glocke, die endlos klingt. Je höher wir steigen, desto mehr zieht es mir um die Ohren, der Wind zetert an meinen Haaren. Vereinzelt klingt das Jauchzen einer Frau. Von vorn weht das verflatterte Lachen heran, das mir schon bekannt vorkommt.&lt;br /&gt;
Nachtseiden glänzt ein Fluss, kühl- nebliger Dampf steigt auf. Die Sterne treten aus ihren Bildern heraus, ein Gebirgsmassiv hebt sich aus dem Horizont wie eine riesige, anthrazitfarbene Katze. Die Frauen bilden eine Warteschleife, das erfordert Konzentration und nach jeder geglückten Landung klingt Applaus empor. Ich peile den riesigen Strohhaufen an und strecke die Füße zum Bremsen aus. Es kracht und wird stachlig dunkel um mich. Dann werde ich aus dem Haufen gezogen. Mein Mantel wird von kichernden Frauenhänden abgestreift und ich muss das Blümchennachthemd preisgeben, während die anderen Frauen unter ihren unscheinbaren Mänteln reizende Kleider zum Vorschein bringen. Nach dem die Dekolletees zurechtgezupft wurden, öffnet sich die Traube und bildet eine Gasse für den Mann, der nun aus aufsteigendem Dampf hervor tritt. Während er vorbei schreitet, versucht manche Frau ein Stück seiner energisch wippenden Mantelstöße zu erhaschen und fällt danach exstatisch zuckend vom Weg ab in die Hände der Dunkelheit. Ich stehe am Ende des Ganges. Unbeirrt schreitet der Mann auf mich zu, stechenden Blickes, als wolle er durch mich hindurchgehen. &lt;br /&gt;
Von einem Schauer durchzuckt, öffnet Ernst die Augen. Auf dem Display des Radioweckers pulst zwischen der Sechs und den zwei Nullen ein roter Doppelpunkt. Die vertraute, tiefe Stimme des Sprechers gibt sanft und traumweich die Nachrichten bekannt. Ernst greift auf die Bettseite neben sich in der gewohnten Vergewisserung, dass die Welt nach einem verstörenden Traum immer die Gleiche bleibt.</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://shortbuttender.twoday.net/topics/Stories&quot;&gt;Stories&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Autor.in</dc:rights>
    <dc:date>2007-10-01T22:27:00Z</dc:date>
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    <title>Die Göttin neben mir</title>
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    <description>Deswegen kommst du erst jetzt, stellte Josephine fest.&lt;br /&gt;
Mich wollte kein Taxifahrer mitnehmen, sagte ich.&lt;br /&gt;
Ich hätte dich ja abholen können.&lt;br /&gt;
Es gab da Einiges, dass ich ihr nicht erklären konnte. Zum Beispiel, warum mir dieses abgehärmte Fellbündel überhaupt im Müll an der Straße aufgefallen war oder warum ich ohne nachzudenken nach ihm griff. Mir war es selbst schleierhaft, wie ich es unbemerkt durch den Zoll geschleust hatte oder wie es mir gelungen war, die Stewardess zu besänftigen. Schon bevor mir die Katze zulief oder genauer, bevor ich ihr meine Idee von einem besseren Leben aufdrängte, hatte ich zu Hause angerufen und Josephine gesagt, dass sie mich nicht abzuholen brauche. Dreizehn Stunden Flug erschienen mir viel zu kurz, um von Nepal Abschied zu nehmen und in Wien anzukommen, bei Josephine.&lt;br /&gt;
Ich nannte die Katze Kumari  und erklärte meiner Frau, ich hätte das Wort irgendwo aufgegriffen, wüsste aber nicht, was es bedeute. Beim Tierarzt stellte sich heraus, dass Kumari alle erdenklichen Würmer und Ungeziefer mitgeschleppt hatte. Das Schicksal der Katze und dass der Arzt sozusagen Entwicklungshilfe leistete, machten keinen Eindruck auf ihn: Er schrieb eine stattliche Rechnung. Die kleinen Delikatessen, die ich für Kumari kaufte, brachten ihr Fell zum Glänzen. Ein einfaches Ei hätte die selbe Wirkung, meinte Josephine, aber die Katze nahm zu und wurde ein schwarzes graziles Luxusstück, das den Küchenschrank krönte und von dort nicht herunter zu locken war. Ihr Futter holte sie sich, wenn wir schliefen oder außer Haus waren. Wenn sie zur Katzentoilette huschte, bekamen wir höchstens ihre Schwanzspitze zu sehen.&lt;br /&gt;
Ob ich an das Mädchen dachte? Wir schrieben uns per E-Mail. Sie stellte in ihrem schlichten, aber fast fehlerfreien Englisch Fragen zu Wien und den Schlössern und Parks. Sie schrieb, dass sie gern in Europa Architektur studieren würde. Ab und zu fügte sie einen deutschen Satz ein, den sie mit Hilfe eines Wörterbuchs zusammengesucht hatte. Ich überflog ihre langen Briefe im Büro, schrieb ein paar Worte in der Art, dass ich mich gern an die Stunden mit ihr erinnere und dass ich mich von ihr umkreist fühle wie von einem Stern. Genauer, aber unpoetischer, hätte ich schreiben müssen, sie umkreise mich wie ein Mond und das war noch auf eine zweite Weise wahr. Denn der Mond war wie ihr Bild mal ganz, mal halb, mal gar nicht sichtbar, abhängig von jenem dritten Gestirn, der Erinnerung. Wie konnte ich den wenigen Stunden trauen, in denen wir uns kennen gelernt hatten. In einer anderen Welt, in einer Ausnahmesituation.&lt;br /&gt;
Wir hatten uns nichts versprochen. Trotzdem zog ich es vor, Josephine nichts davon zu erzählen. Irgendwann schlief der Kontakt von selbst ein. Vielleicht war auch ich es, der aufhörte zu schreiben.&lt;br /&gt;
Ein paar Jahre später rief eine Frau im Büro an und sagte auf Deutsch, sie sei Rashmila aus Nepal und ob ich mich noch an sie erinnere. Mir fiel der Hörer aus der Hand und beim Hochheben muss ich versehentlich eine Taste berührt haben. Die Verbindung war beendet. Ich rief die Nummer zurück. Ich entschuldigte mich und fragte, wer dort sei. Rashmila sprach nun Englisch. Ich fragte in irgendeiner Geistesgegenwart, wo sie sich gerade aufhalte.&lt;br /&gt;
I´m in Vienna, antwortete sie selbstverständlich.&lt;br /&gt;
Where are you?, fragte ich noch mal.&lt;br /&gt;
In a hotel in Porzellangasse.&lt;br /&gt;
Stay where you are, rief ich in den Hörer und rannte am fragenden Gesicht meines Kollegen vorbei aus dem Büro. Im Taxi versuchte ich einen klaren Gedanken zu fassen und fragte mich, ob es nicht etwas voreilig war, zu ihr zu fahren ohne nach Begleitumständen zu fragen. Es konnte ja sein, dass sie geheiratet hatte und mit ihrem Mann durch Europa reiste. Aber viel stärker war der Wunsch, sie zu sehen, sie mit dem Bild abzugleichen, dass ich mir von ihr gemacht hatte.&lt;br /&gt;
In der Lobby des Hotels saß eine Frau mit Pagenschnitt und einer eleganten Anzugjacke über einem lila Rock, dessen goldener Rand auf dem Boden schleifte, als sie strahlend auf mich zu kam, ihre weißen Perlenzähne entblößte und meinen Namen nannte. Wir aßen in einem kleinen Restaurant, dass ich gut kannte, weil ich dort sonst mit Josephine aß und wir erzählten, als würden wir nur an die letzte E-Mail anknüpfen und mir fiel wieder ein, dass uns in den wenigen Stunden damals mehr verbunden hatte als eine körperliche Anziehung und dass mir zwar immer ihre knabenhaften Hüften und die schwarzen Augen vorgeschwebt hatten, aber nur, weil es das einzige Konkrete an dieser Erinnerung war. Ihr Körper war weiblicher geworden und sie sah so unwahrscheinlich schön aus, dass ich ihr gegenüber nie etwas anderes empfunden hätte als das Hingezogensein zu etwas Unerreichbarem. So und auch nur so, konnte ich Josephine die ganze Geschichte erzählen, denn ich wollte Rashmila nicht von meinem Leben ausschließen, ich wollte, dass sich beide Frauen kennen lernten und irgendwie ließ sich Josephine von der Harmlosigkeit der ganzen Sache überzeugen und stimmte zu, dass Rashmila ein paar Tage bei uns wohnen konnte.&lt;br /&gt;
Als Rashmila die Wohnung betrat, geschah etwas Merkwürdiges. Die beiden Frauen hatten sich gerade zurückhaltend begrüßt, als Kumari am Ende des Flures auftauchte, kurz stehen blieb und, wie es schien, unseren Gast anvisierte. Sie gab ein Tönchen von sich und wandelte in aller Seelenruhe in die Küche zurück. Beim Essen saß Kumari in einiger Entfernung auf dem Sofa, wo sie noch nie gesessen hatte und Rashmila hatte kaum ihr Besteck aus der Hand gelegt, da sprang ihr die Katze auf den Schoß und ließ sich streicheln.&lt;br /&gt;
Josephine versuchte sich ihre Gekränktheit nicht anmerken zu lassen und ich sagte im Scherz, dass Rashmila und die Katze die gleiche Sprache sprächen.&lt;br /&gt;
Ich machte für Rashmila eine Liste, wann sie welche Sehenswürdigkeit besichtigen könnte, erklätte ihr die Wege auf dem Stadtplan und versprach, am Wochenende mit ihr nach Schönbrunn zu fahren. Als ich am Donnerstagabend nach Hause kam, fand ich einen Zettel. Sie bedankte sich für unsere Gastfreundlichkeit und sei schon auf dem Weg nach England, wenn wir den Zettel finden würden.&lt;br /&gt;
Kurz darauf wurde Kumari krank. Der Arzt röntgte sie, entnahm Blut. Er konnte nicht sagen, was es war und verwies mich an einen Tierpsychologen.&lt;br /&gt;
Die Krankheit wirkte sich so aus, dass Kumari den Futterbecher nicht mehr ausschleckte, und sich in der Küche ihren Platz eine Etage tiefer neben der Arbeitsfläche einrichtete. Sie flitzte auch nicht mehr auf Toilette, sondern ging gemächlich, und alles hätte genauso gut als Zeichen einer normalen, gesunden Katze gelten können, wenn ihr nicht eine unbeschreibliche Traurigkeit anlastete.&lt;br /&gt;
Nach zwei Jahren kam per Post eine Nachricht aus England über Rashmilas Vermählung mit einem deutschen Ingenieur und sie lud uns herzlich aber augenfällig der Höflichkeit wegen zu ihrer Hochzeit ein. Uns. Dieses Uns bestand bald nur noch aus Kumari und mir. Josephine offenbarte mir, dass sie schon seit einiger Zeit ein Verhältnis mit einem Kollegen hatte und dass es an mir lag, weil ich für die Katze mehr Aufmerksamkeit übrig gehabt hätte als für sie. Es half nicht, ihr die schönen Stunden, die überwundenen Krisen, die gewachsene Verbindung aufzuzählen.&lt;br /&gt;
Ich ertappte mich dabei, dass ich immer häufiger an Rashmila dachte und versuchte, mir sie in England an der Seite eines Mannes vorzustellen, der wahrscheinlich zur Hochzeit einen Vertrag mit ihr abgeschlossen hatte, der schon die Scheidungsbedingungen festlegte. Ein deutscher Ingenieur. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Dafür wurde unser Spaziergang durch den ehemaligen Klostergarten wieder so lebendig, als wären zwischendurch nicht ganze sieben Jahre vergangen. Ich sah sie unter dem Torbogen mit vergoldeten Drachen und Schlangen stehen, als wir uns verabschiedeten. Nicht einmal einen Kuss haben wir gewagt. Sie glaubte an die Wiedergeburt und hatte mir fest in die Augen gesehen und ohne einen Anflug von Traurigkeit gesagt: Also dann, bis zum nächsten Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Rechte vorbehalten.</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
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    <title>Sorry,</title>
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    <description>hier gab es aus Versehen keine Story. (Kleine Internetabstinenz)</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
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    <title>Die Wärterin</title>
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    <description>Ein Zug war nicht zu sehen. Die Sicht auf die Gleise wurde zu beiden Seiten durch Büsche und Kurven beschränkt und da die Zikaden an diesem Sommerabend lärmten, als wäre der Sommer am nächsten Tag vorüber, konnte er nicht hören, ob ein Zug nahte. Er saß auf dem ausgeschalteten Mofa, ein Bein zur Seite gestützt und maß mit den Augen den Abstand von einer Schranke zur Gegenüberliegenden. Er sah einen ausgetretenen Pfad, der um das Warnkreuz herumführte. Er überlegte, welche Züge diese Gegend durchquerten und er konnte sich nichts anderes vorstellen als einen Güterzug oder einen Personenzug dritter Klasse, obwohl es ebenso möglich war, dass der Hochgeschwindigkeitszug, der den Süden im Zweistundentakt mit der Hauptstadt verband, durch diese gottverlassene Gegend fuhr. Bis zu den Kurven waren es auf beiden Seiten weniger als hundert Meter. Er rechnete sich aus, dass er die Schiene noch in Ruhe überqueren könnte, wenn er einen Güterzug um die Kurve biegen sah.&lt;br /&gt;
Das Bahnwärterhaus besaß in der obersten Etage zu drei Seiten Fensterfronten. Er bemerkte schemenhaft eine Person. Ein junges Mädchen trat ans Fenster. Er wusste nicht, was ihn dazu bewegte, ihr ein Zeichen zu geben, vielleicht weil er einen schweren Tag hinter sich hatte und eine gelassene Müdigkeit spürte. Vielleicht, weil er auf dem ganzen Weg keine Menschenseele getroffen hatte. Er deutete mit der flachen Hand auf die Bahnschiene und hob fragend die Schultern. Sie verstand. Sie zeigte mit dem Daumen nach rechts und tippte dann auf das Armgelenk, als trage sie daran eine Uhr. Er wandte sich wieder der Schranke zu und der Fortführung der Straße auf der anderen Seite. Er fühlte ihren Blick auf sich ruhen.&lt;br /&gt;
Als er wieder hoch sah, hatte sich das Mädchen ans Fenster gesetzt. Sie drückte eine schwarze Katze an ihren Leib. Von fern meinte er einen Zug zu hören. Das Mädchen stieß ihren Kopf verschmust gegen den Kopf der Katze. Das Geräusch wurde lauter. Das Mädchen öffnete ihre Bluse und drückte die Katze gegen ihre nackten Brüste. Der Schnellzug schoss mit seinem weißen schlangenhaften Kopf um die Kurve. Die Druckwelle ließ ihn ein wenig zurückweichen. Seine Haare flohen im Wind. Als der Lärm abgeschwollen war, saß das Mädchen nicht mehr am Fenster. Genauso phantomhaft, wie der Zug gekommen war, verschwand er wieder zwischen Bahnhängen und sonnenversengten Feldern.&lt;br /&gt;
Er startete den Motor und spürte die Vibration durch das Sitzpolster hindurch. Die Schranke tat keinen Wank. Er blickte wieder am Bahnwärterhäuschen hoch. Das Mädchen öffnete das Fenster und kletterte auf das schmale Fensterbrett. Sie hatte die Bluse lose über die Brüste geschlagen und sah ihn unverwandt an. Sie griff nach ihrem Rocksaum und zog den Rock in winzigen Rucken über die Knie. Er heftete seinen Blick auf die Schranke, die im leichten Wind kaum merklich schwankte. Er wartete. Dann schaltete er den Motor wieder aus, stieg ab und bockte das Mofa auf den Ständer.&lt;br /&gt;
Hör mal, rief er, willst du mich nicht endlich rüberlassen?&lt;br /&gt;
Das Mädchen zog den Rock noch etwas höher. Zwischen ihren Schenkeln tauchte ihre scheinbar noch nicht sehr dicht behaarte Scham auf. In ihrem Rücken strich die Katze entlang und reckte den zitternden Schwanz in die Luft.&lt;br /&gt;
Komm doch rauf, sagte das Mädchen und bevor er etwas erwidern konnte: Es gibt nur ein Problem. Mein Vater hat unten die Tür abgeschlossen.&lt;br /&gt;
Er sah auf die grün gestrichene Holztür und dann wieder auf die Schenkel des Mädchens.&lt;br /&gt;
Wie soll ich denn da rauf kommen?&lt;br /&gt;
Das Mädchen tschilpte wie ein Vogel, als unterhielte sie sich so mit der Katze. Sie spitzte die Ohren, dann setzte sie behutsam eine Pfote auf das Fensterbrett. Die Katze machte einen Satz und landete ein Stück tiefer auf einem Mauervorsprung. Sie lief ohne Zögern ein paar Meter an der Wand entlang, sprang wieder, lief ein Stückchen und gelangte auf diese Weise im  Zickzack an der Hausmauer hinunter. Schließlich umrundete sie einmal seine Beine und verschwand im Gebüsch.&lt;br /&gt;
Das Mädchen winkte ihn zu sich. Er trat an die Mauer und sah ihren Schoß direkt über sich. Er griff nach einem Vorsprung. Er fühlte den rauen Stein. Das Mädchen sah mit einem spöttischen Zug um den Mund auf ihn herunter. Er verkrampfte die Finger, machte einen Klimmzug, legte ein Knie auf, griff mit einer Hand nach einem Blitzableiter und zog sich daran hoch. Ihm schoss Hitze in den Kopf. Er wünschte sich, dass das Mädchen so sitzen blieb. Aber sie zog die Beine an, schwenkte zur Seite und glitt in den Raum. Er hatte die nächste Stufe erreicht. Er befürchtete einen Augenblick lang, sie würde das Fenster schließen und über ihn lachen. Er achtete nicht mehr darauf, wohin er trat. Die Zikaden und die Schwüle besäuselten ihn. Er griff nach der Kante des Fensterbrettes. An der Decke des Zimmers sah er die Reflexe der gelben Felder flirren. Ein letzter Kraftakt und er war auf dem Fensterbrett. Nachdem sich seine Augen an das Streulicht gewöhnt hatten, betrat er den Raum. Er sah einen Schaltpult, einen Tisch, auf dem Bierflaschen mit abgepulten Etiketten standen. Auf einer Illustrierten stand eine Untertasse mit Zigarettenkippen.&lt;br /&gt;
Ihn überlief ein Schauder. Das Mädchen hatte sich hinter ihn gestellt. Sie schob sein Hemd hoch und drückte ihre Brüste gegen ihn. Er spürte die kühlen Brustwarzen. Er griff hinter sich und umfasste ihre Taille. Nach einer Weile drehte er sich um. Nackt und mit geschlossenen Augen stand sie vor ihm. Sie tastete an seinem Gürtel entlang.&lt;br /&gt;
Wir müssen uns beeilen, weil mein Vater bald zurückkommt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hörst du dass?&lt;br /&gt;
Die Zikaden hatten sich gelegt. Weit hinten in der Stille hörte er das rhythmische Geräusch eines schweren Zuges. Das Mädchen zog sich an. Sie reichte ihm seine Hose. Vor einer Spiegelscherbe kämmte sie sich die Haare.&lt;br /&gt;
Ich zeig dir den Weg, sagte sie in den Spiegel hinein.&lt;br /&gt;
Das Mädchen öffnete die Tür zum Treppenhaus und führte ihn hinab.&lt;br /&gt;
Duck dich hier unter die Treppe. Wenn mein Vater vorbeigegangen ist, schleichst du dich aus dem Haus.&lt;br /&gt;
Ist gut, sagte er.&lt;br /&gt;
Der Zug hielt mit einem ohrenbetäubenden Quietschen. Kurz kam ihm die Idee, dass die Tür gar nicht abgeschlossen war. Das Mädchen huschte die Treppe hoch, das letzte, was er von ihr sah, war ihr nackter, schmutziger Fuß. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gewuchtet. Der Alte stieß die Tür auf und rief nach dem Mädchen. Der Raum wurde von einer Bierfahne erfüllt.&lt;br /&gt;
Mit heiserem Glockenklimpern öffnete sich die Schranke. Er wagte nicht, zurückzusehen. Er startete, gab zu viel Gas und schoss über den Bahndamm. Er war gerade ein paar Meter gefahren, da sah er die Katze auf einem von der Abendsonne beschienenen Fleck sitzen und sich putzen. Er fuhr langsam heran. Die Katze erhob sich, streckte sich und kam gemächlich auf ihn zu. Er hielt ihr seine Hand entgegen. Sie schnupperte daran, ihre Schnurrhaare zitterten. Er drehte die Hand zu sich und entdeckte an seinen Fingern eine Spur von eingetrocknetem Blut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Rechte vorbehalten.</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
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    <dc:date>2007-06-01T22:32:00Z</dc:date>
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    <title>Black out</title>
    <link>http://shortbuttender.twoday.net/stories/3950103/</link>
    <description>Ein Anruf mitten in der Nacht. Mein Rucksack steht wie immer gepackt nahe der Tür, das Handy ist geladen, die Filme für die Kamera liegen im obersten Kühlschrankfach.&lt;br /&gt;
Der Flug ist schon reserviert, Bomberger braucht nur noch mein Ja und er muss nicht lange herumreden, dass ich sein bester Mann für einen solchen Einsatz sei, wegen des Kalküls und der Besonnenheit und so fort, auch mit dem Honorar braucht er nicht zu locken - die Arbeit ist mir auf den Leib geschnitten. Jedenfalls kann ich mir keine andere vorstellen, so wird es wohl sein. In der Zeit zwischen einem Auftrag und dem Nächsten vegetiere ich. Mein Herzschlag ist heruntergefahren, als hielte ich Winterschlaf und dann, ein Anruf, bin ich 200 Prozent wach und breche in meinem Appartement auf, um 10, 12 Stunden später in einer anderen Sprache ausgespuckt zu werden, in einem anderen Klima, mitunter mitten in einem Blutbad.&lt;br /&gt;
Im Flugzeug lese ich die 20 Seiten vom Pressearchiv, die mir Bomberger zum Flughafen gefaxt hat. Mehr gab es nicht. Unsere Medien werden auf einen Konflikt erst aufmerksam, wenn er schon übergekocht ist. Die Zeit war zu knapp gewesen, um eine kugelsichere Weste zu besorgen. Ich habe noch Bombergers Stimme im Ohr, wie er mir Hals- und Beinbruch wünscht, seine Stimme zitterte leicht, vielleicht lag es nur daran, dass er mit dem Mobiltelefon am Ohr irgendwo entlanglief. Ich solle keinen Schritt von der Hauptstraße abweichen, das halbe Land sei vermint, am besten gar nicht zu Fuß gehen und mir einen einheimischen Fahrer nehmen, einen, der an seinem Leben hängt.&lt;br /&gt;
Die Abläufe zwischen dem Flughafen und dem Hotel sind in jedem Land gleich. Dann hält das Taxi vor einem Gebäude, das wie ein Rohbau aussieht. Es ist das einzige Hotel in der Stadt, in dem es noch Strom und Wasser gibt, wie der Fahrer sagt. Unterwegs hatte er sich geweigert, anzuhalten, als ich eine Leiche fotografieren wollte, die rücklings auf dem Fußweg lag.&lt;br /&gt;
Die Hotelhalle wirkt gespenstisch. Normalerweise treffe ich hier Kollegen von den Fernsehstationen und erfahre die ersten Details. Orangebraune Haut, schwarze, nach hinten gebundene Haare, die Frau am Empfangstresen hält die Augen niedergeschlagen, mein Blick hängt an ihren Lippen, aber ich höre kaum, wie sie mir in gebrochenem Englisch das Übliche erklärt. Als sie sich zur Seite neigt, weht ein zarter Duft zu mir herüber. Eine muskulöse und trotzdem kindliche Hand schiebt mir den Schlüssel über die Theke.&lt;br /&gt;
Ich bringe meine Sachen in das Zimmer. Die Arbeit beginnt. Wenn ich nach einem Bombenabwurf aus einem Keller trete, sind mit der versenkten Luft die Fragen da. Wer? Wo? Was? Wann? Warum? Wenn mir jemand das Gehirn zerschießen würde, wären die Fragen noch im Rückenmark gespeichert.&lt;br /&gt;
Das Telefon in der Hotelhalle ist tot. Die Frau erscheint nicht am Empfang, auch nicht, als ich die silberne Glocke drücke, die in der ärmlichen Umgebung wie ein Beutestück aussieht. Ich würde mich zu dem Ort durchfragen müssen, an dem ich meinen Informanten zu treffen hoffe und auf dem Weg dorthin das Foto machen. Auf der Straße höre ich weder Autos, noch Vögel. Maschinengewehrsalven wären mir fast noch lieber als diese Stille. Reste von rudimentären Möbeln liegen vor den geplünderten Häusern. Ich orientiere mich am Stand der Sonne, an den Schatten, die die Behausungen werfen. Ich sehe die Leiche. Ein Hund macht sich an einem Arm des Toten zu schaffen. Er knurrt, als ich näher komme, zerrt vergeblich mit wütend gefletschten Zähnen, zieht dann den Schwanz ein und verschwindet zwischen den Häusern.&lt;br /&gt;
Mir war schon im Taxi klar geworden, dass ich dem Zeitungsleser zum Frühstück keine Leiche anbieten kann. Ich muss ein Detail finden, dass den Schrecken des Ganzen symbolisiert. Beim ersten Vorbeifahren trug der Tote noch seine Schuhe. Ich stelle scharf und fotografiere seine nun nackten Füße. Jemand hat die Schuhe gestohlen. Die Leichenflecke sieht man auf schwarzweiß kaum und die Geschichte gar nicht. Die muss ich dazu schreiben.&lt;br /&gt;
In drei Tagen geht mein Flug zurück. Drei Tage Zeit, um bestenfalls den Rebellenführer ausfindig zu machen, mit viel Geschick ein Interview oder aber wenigstens ein paar Hintergrundinformationen, einen roten Faden in einer Sache, die von oben so verworren aussieht.&lt;br /&gt;
Mister!, höre ich es hinter mir leise rufen. Ich drehe mich um und sehe niemanden.&lt;br /&gt;
Dont go there!&lt;br /&gt;
Ich gehe in die Richtung, aus der die Stimme vermutlich kam. Jemand greift mich am Arm und zieht mich in den Hauseingang. Mein erster Blick fällt auf die kindlichen Finger. Die Frau hat ihr Haar unter einem schwarzen Tuch versteckt und das Tuch tief in die Stirn gezogen. Ich frage auf Englisch, warum sie mir gefolgt ist und bereue im nächsten Augenblick den kühlen Tonfall meiner Frage, denn sie schluckt und sagt dann beinahe tonlos:&lt;br /&gt;
They burnt down my house.&lt;br /&gt;
Meine Arbeit hat begonnen. Eigentlich. Eigentlich müsste ich jetzt mein Notizheftchen zücken. Wahrscheinlich würde die Frau weinen, Mann, Kinder, Haus, ich würde ihre Aussage sachlich mitschreiben. Ich schließe die Augen. Höre nur noch. Höre sie atmen. Das einzige Zeichen von Lebendigkeit in dieser Stadt. Ich rieche sie. Ihren Duft. Er dringt zu mir vor und steigt aus den Untiefen meiner Erinnerung auf. Ich weiß, dass ich meine Augen keinen Moment länger geschlossen halten darf. Ich spüre sie nahe meinem Gesicht. Ihre trockenen Lippen auf meinen. Ich kämpfe gegen die Schwere meiner Augenlider. Sie sieht mich jetzt entschlossen an. Sie knöpft ihre Bluse auf. Sie ist sorgsam gebügelt. Der Stoff gleitet mit einer fließenden Bewegung über ihre Schultern, legt kleine, blasse Brüste frei.&lt;br /&gt;
Ich muss hier weg. Doch ich gehe, da die Frau mit kleinen Schritten in den Raum zurückweicht, Schritt für Schritt ihr nach, um nicht den Schwall von Duft und Wärme, der von ihrem Körper ausgeht, zu verlieren. Im Raum ringsum herrscht eine kühle Feuchtigkeit, die mir Gänsehaut einjagt. Die Frau lehnt sich an einen grob gezimmerten Tisch. Jede Sekunde, die ich länger bleibe, kann mich um Kopf und Kragen bringen. Ich spüre ein Beben in den Knien. Ich möchte diese Frau riechen, ihre Brüste fühlen. Es knistert, die Frau zieht ihren Rock hoch, umklammert mich mit den Beinen, küsst mich, in meinem Kopf rauscht es. Wie lange war mir so etwas nicht mehr passiert, ausgerechnet hier. Hinter mir klackt es.&lt;br /&gt;
Wie in Zeitlupe gleiten ihre Hände von meiner Hose ab. Gedanken schießen durch meinen Kopf. Hat mich die Frau in den Hinterhalt gelockt? Oder kann sie mich schützen? Ist sie eine von ihnen?&lt;br /&gt;
Ein Mann schreit etwas.&lt;br /&gt;
He says, you should turn around slowly, flüstert die Frau. Vierzig Jahre bin ich geworden, die Hälfte davon auf der Suche nach diesem Duft. Jahre habe ich im Provisorium verbracht, immer kurz vor dem richtigen Leben, in Hotels, auf Flughäfen, immer wollte ich am liebsten auf einer Insel leben, ohne Zeitung und Fernsehen, mit einer Frau und mit Kindern.&lt;br /&gt;
Der Mann muss in etwa drei Meter Entfernung stehen, das Entsichern klang nach einem AK 74. Die Frau ist mir immer noch so nah, dass ich ihre Körperwärme spüre. Entweder ich sterbe oder sie, schießt es mir durch den Kopf. Ich wähle die dritte Möglichkeit: Ich stoße in sie. In dem gleichen Moment, in dem ich ihre wonnevolle Enge fühle, reiße ich ihren Körper herum. Die Frau sieht mich fassungslos an. Sie ruft dem Mann, den ich nun in einer Tarnuniform in der Tür stehen sehe, mit gequälter Stimme etwas zu und sieht mich dabei an. Ihr Körper zittert. Ein Ruck reißt mich um. Die Kugel muss meine Brust getroffen haben. Blut sickert aus mir und aus der Frau.&lt;br /&gt;
In ihren Augen sehe ich mein Leben wie komprimiert an mir vorüberziehen, sehe ich die Einzige, die ich geliebt habe, die jenen kleinen, schlichten, blumigen Duft trug, eine Seife vielleicht, meine erste Liebe, die Frau, die so leicht war, als würde sie über dem Boden schweben, ich sehe sie auf einer Schaukel im Garten der Großeltern, wir waren gerade ein wenig zu alt zum Schaukeln und wir zählten bei jedem Vorstrecken ihrer Fußspitzen die Kinder, die wir haben wollten, und eines Tages entschwebte sie genauso selbstverständlich, als wäre sie geblieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Rechte vorbehalten.</description>
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    <title>Katzennacht</title>
    <link>http://shortbuttender.twoday.net/stories/3950164/</link>
    <description>Wenn andere Menschen zu Bett gehen, erwache ich. Ich erwache von einem Grollen, das aus meinem Inneren kommen muss. Ich schlüpfe in die kleinen Stoffpantoffeln; sie tragen mich in die Küche, vorbei am Bad mit dem kaltgewordenen Badewasser, das noch duftet. Ich hatte vergessen, den Stöpsel zu ziehen. In der Küche finde ich nichts zu Essen, die Schränke sind leer, einzukaufen hatte ich auch vergessen. Nur Schokoladen-Eier im feinmaschigen roten Netz liegen noch in einer Schale von Ostern. Ich wickle eins aus, die Folie ist hauchdünn, reißt, ich muss Ei für Ei mühsam abpellen. Das bringt wenig, am liebsten hätte ich mir eine Hand voll in den Mund gestopft. Es grollt wieder. Ich halte es nicht aus. Ich nehme dies und jenes Kleidungsstück zur Hand, aber ich bin zittrig, muss los, ziehe nur einen schwarzen Stoffmantel über das Nachthemd, schlüpfe in meine Pumps, die Zehen entspannen sich, weil ich sie in den Stoffpantoffeln immer einkrallen muss, um nicht zu schlurfen. Ich erinnere mich an die Katze, die mir einmal zugelaufen war. Sie suchte sich zum Schlafen eine winzige Kiste, deren Wände die Tatzen an ihren Körper drückten, so dass sie ihr nicht wegrutschen konnten. Wenn ich das Tier schlafend aus der Kiste nahm, hing es schlaff in meinen Händen wie ein leeres Stück Fell. Aber das Fell atmete und ein Ohr zuckte von der Fliege, die es im Traum streifte. Die Vorstellung, zehn winzige Katzen an meinen Füßen zu tragen, behagt mir nicht. Ich ziehe die Pumps wieder aus. Meine Stoffpantoffeln tragen mich die Steinstufen hinunter, lautlos durchs Haus. Trotzdem weiß ich, dass sie wissen, dass ich es wieder bin. Frau Wächner schüttelt hinter der Gardine den Kopf und sagt, so etwas müsste man verbieten. Sie wird lange keinen Schlaf finden, sie wird eine Schlaftablette nehmen und ihr Mann wird, wenn sie endlich schläft, in den Schlitz seiner Pyjamahose greifen und seinen Atem so gleichmäßig halten, als würde er tief schlafen.&lt;br /&gt;
Der Imbissstand hat schon geschlossen. Die Nacht ist weder warm noch kalt. Ich spüre die Luft auf meiner Haut, an meinem Hals, an den Beinen. Eine Ratte verschwindet in einem halboffenen Müllcontainer. Ich wusste nicht, das Ratten so gut klettern können. In der Bar Zur Mäusefalle brennt Licht. Zu Essen werden nur Pommes frites geboten. Ich habe kein Geld bei mir. Nicht vergessen, ich habe keines. Ich soll für sie tanzen, sie drehen die Musik auf. Vielleicht habe ich das schon einmal getan. Ich steige auf den Tisch. Ich klatsche in die Hände und schlüpfe in die Haut einer Flamencotänzerin. Ich weiß, dass sie denken, dass ich nicht weiß, was ich tue. Ihre Blicke treffen meine Scham. Sie pulsiert, ich pulsiere, schwelle an. Sie strecken mir ihre Finger entgegen. Ich könnte mein Nachthemd über einen Kopf stülpen, über Augen, Mund, stachelnden Bart.&lt;br /&gt;
Nur einer, der abseits sitzt und seinen Augen nicht zu trauen scheint, zieht mich an. Ich tanze ihm zu, obwohl er zu jung ist, schüchtern, Pickel im Gesicht, noch nie eine Frau gehabt, denke ich. Seine Augen gefallen mir.&lt;br /&gt;
Der Wirt hält mir die Pommes auf einem Teller hin, ich steige herab, eine Hand landet auf meinem Hintern. Ich sehe ein fettes, rotes Gesicht und dränge mich zu einem freien Platz. Sie starren mich noch eine Weile an, wie ich die Pommes einzeln durch den Ketchup ziehe, an zwei Fingern hochhebe wie Sprotten und sie zappelnd in meinem Mund verschwinden lasse. Ich höre nicht, was sie reden, nur die Musik.&lt;br /&gt;
Ich weiß auch nicht, ob der Junge etwas zu mir gesagt hat, oder ob er mir stillschweigend folgt. Vor dem Container liegt zerfetzte Pappe. Hinter mir spüre ich den Jungen, der mir an einer unsichtbaren Kette folgt.&lt;br /&gt;
Bei Wächners brennt Licht. So können sie nicht auf die Straße sehen. Die Wirkung der Tablette hat nicht lange angehalten. In Erwartung der regelmäßigen Empörsamkeit stopft sich Frau Wächner die Ohren zu, setzt ihre Gummibadekappe auf, damit die Stöpsel nicht herausfallen und unter ihrem Kopfkissen betet sie zum Herrgott, dass das da oben endlich aufhört, also ich, dass ich endlich abtransportiert werde, weil so etwas verboten gehört.&lt;br /&gt;
Im Treppenhaus...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
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    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://shortbuttender.twoday.net/topics/Stories&quot;&gt;Stories&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Autor.in</dc:rights>
    <dc:date>2007-04-01T16:34:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://shortbuttender.twoday.net/stories/3950142/">
    <title>Yesterday</title>
    <link>http://shortbuttender.twoday.net/stories/3950142/</link>
    <description>&lt;a href=&quot;http://shortbuttender.twoday.net/stories/4254133/&quot;&gt;[English version]&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie wusste nicht, wie lange sie schon so gelegen hatte. Irgendwann musste sich der Deckel der Truhe durch den eingebauten Automatismus geöffnet haben. Ihre Anwesenheit in sich selbst trat so langsam ein, wie die Kälte von ihr wich. Es gab keinen klaren Punkt, an dem ihr Bewusstsein eingesetzte. Als etwas in der Tiefe der Wohnung klingelte, richtete sie sich reflexartig auf. Sitzend spürte sie, dass sie nichts hielt, keine Muskeln und keine innere Kraft. Sie hing schlaf in sich. Um ihren Arm auf den Truhenrand zu werfen, sammelte sie alle Energie. Das Telefon läutete. Sie sammelte sich wieder. Sie warf den zweiten Arm gummiartig hinterher, hängte den Kopf über den Rand. Nach drei Minuten setzte das Telefon kurz aus und begann von Neuem. Das Gewicht von Kopf und Armen, dem nachgeschobenen Oberteil zog sie allmählich zu Boden, wo sie weich und ächzend landete. Mit großen Pausen schob und zog sie sich über den Holzboden in Richtung des Telefons. Sie stieß den Hörer mit ihrer Nase von dem am Boden stehenden Apparat und ließ ihren Kopf schwer atmend neben die Hörmuschel sinken. Ein im Rückenmark gespeicherter Reflex ließ einen Ton aus ihr entweichen. Er klang rau und wenig menschlich.&lt;br /&gt;
Hallooo!, sagte daraufhin ein junge, schwungvolle Männerstimme. Hier ist das Institut für Medienforschung. Wir würden gern eine kleine Umfrage mit Ihnen machen. Natürlich, falls Sie im Moment keine Zeit oder Lust haben, weil Sie gerade zerschlagen von der Arbeit kommen, dann können wir gern einen Termin mit Ihnen vereinbaren.  Hallo, sind Sie noch da?&lt;br /&gt;
Mhm.&lt;br /&gt;
Also, gut. Sie werden sehen, es dauert höchstens eine Viertel Stunde.&lt;br /&gt;
Er klärte sie zu Fragen des Datenschutzes auf. Die Worte fielen tröpfchenweise in ihr Gehirn. Nur Wendungen, die sich häufig wiederholten, lösten in ihr etwas aus- einen Zwang zur Nachahmung. Sie lernte, Ja und Nein zu sagen. Nach ein paar Minuten schob sich ein Vorhang beiseite und sie verstand ganz klar, was er sprach. Zumindest die Sätze verstand sie, Wort für Wort. Er fragte, welche technischen Geräte sie besitze und zählte alles auf, was in einem modernen Haushalt zu finden sein müsste. Ihr Blick schweifte durch den Raum, ohne an etwas hängen zu bleiben. Sie antwortete mit Ja oder Nein, wie es ihr in den Sinn kam. Beim Wort DVD zögerte sie.&lt;br /&gt;
Was ist das? schälte sich langsam aus ihrem Mund.&lt;br /&gt;
Sie kennen DVD noch nicht?, fragte er etwas ungläubig und klickte dann im Computer das entsprechende Kästchen an. Die Zeit lief mit.&lt;br /&gt;
Nun zu Ihren Freizeitaktivitäten. Treiben Sie Sport? Handarbeiten wie Häkeln, Stricken. Haben Sie Haustiere, Hund, Katze?&lt;br /&gt;
Sie betrachtete das Spinnennetz, das mit dem Abnehmen des Hörers zerrissen war und sagte: Spinne.&lt;br /&gt;
Aha, also exotische Haustiere. Haben Sie einen Garten?&lt;br /&gt;
Dieses Wort löste eine Welle von Wärme und Zärtlichkeit aus wie eine verschüttete Erinnerung, die mit unerwartetem Licht wieder in das Leben tritt.&lt;br /&gt;
Das wäre schön, sagte sie, mit jedem Wort ringend.&lt;br /&gt;
Der junge Mann klickte Nein an und sah die Zeitanzeige rechts oben. Wenn die Frau weiter so langsam antwortete, würde er Punkte abgezogen bekommen. Was war mit ihr, warum klang ihre Stimme so fern und kraftlos. Er klickte eine Reihe von Neinfeldern an und sprang zu der Frage, welche Fernseh- und Radiosender sie als Letztes gesehen oder gehört hatte. Bis auf BRC kannte sie keinen der Sender, die er nannte.&lt;br /&gt;
Wann haben Sie BRC das letzte Mal gehört: Gestern, vor mehr als einer Woche, vor mehr als einem Monat?&lt;br /&gt;
Gestern, antwortete sie nach einer Weile. Das Wort war ihr hängen geblieben, es klang schön.&lt;br /&gt;
Also gut, sagte er und atmete tief durch. Um den Befragten das Antworten zu erleichtern, werden wir Sie im Folgenden bitten, den gestrigen Tag Stunde für Stunde zu rekonstruieren, mit dem Aufstehen beginnend.&lt;br /&gt;
Sie konnte nicht mehr. Die Benutzung ihrer Stimmbänder hatte sie ermüdet. Der junge Mann sah auf seine Minuspunkte. Wenn er das Interview abbrach, würde er noch einmal Punkte abgezogen bekommen. Er war zu tief drin, er horchte in seinen Kopfhörer, versuchte sich die Frau vorzustellen, deren Stimme alterslos und entspannt klang, nachdem sie wie unter einem Pelz zum Vorschein gekommen war.&lt;br /&gt;
Wann sind Sie aufgestanden?&lt;br /&gt;
Seine Stimme klang für sie warm und lebendig. Ungefähr, welche Uhrzeit?&lt;br /&gt;
Elf, probierte sie aus.&lt;br /&gt;
Nachts oder Mittags?&lt;br /&gt;
Zwei elf.&lt;br /&gt;
Wie bitte? Ach zwölf, also zwölf mittags. Was haben Sie dann gemacht. Sind Sie erst ins Bad oder erst in die Küche? Haben Sie im Bad ein Radio? Welchen Sender haben Sie gehört? BRC. Aha. Und dann sind Sie zur Arbeit gefahren?&lt;br /&gt;
Nein, sie besaß kein Autoradio. Sie verbrachte den Tag im Büro. Während der Arbeit hörte sie kein Radio. Danach ging sie einkaufen. Es lief Musik im Kaufhaus. Sie traf sich mit Freunden in einer Bar. Es lief Musik vom Band. Abends sah sie fern von zehn Uhr bis Mitternacht. Bald hatte er es geschafft. Zwölf Minuspunkte bedeuteten einen Abzug von sechs Prozent vom gesamten Tagesverdienst.&lt;br /&gt;
Wie viele Personen unter sechszehn Jahren leben in Ihrem Haushalt?&lt;br /&gt;
Ich habe Hunger, glaube ich.&lt;br /&gt;
Das kann ich gut verstehen, sagte der Mann nach einer Weile. Wir sind auch gleich mit den Fragen am Ende.&lt;br /&gt;
Während er mechanisch vom Bildschirm ablas und genauso wahllos etwas anklickte wie sie wahllos antwortete, versuchte er die Bruchstücke dieser Frau zusammen zu setzen. Sie besaß eine gewisse Sprödigkeit. Sie war schön. Das ist zwar idiotisch, aber das konnte er hören. Sie lebte allein, arbeitete im Büro. Wahrscheinlich in der Kreativbranche, wo man sich während der Arbeit konzentrieren musste. Aber wie konnte es sein, dass sie dann keine Sender kannte, weder die Öffentlichen, noch die Privaten, bis auf BRC, einen der ältesten Senders des Landes, der vor kurzem von einem Privaten aufgekauft wurde. Warum stand sie an einem Wochentag erst um Zwölf auf?&lt;br /&gt;
Zum Schluss fragte er sie, wie lange das Gespräch ihrer Meinung nach gedauert hätte. Sie sagte Zehn und er las fünfunddreißig Minuten ab.&lt;br /&gt;
Haben Sie das Gespräch eher interessant oder eher uninteressant gefunden?&lt;br /&gt;
Interessant. Sehr.&lt;br /&gt;
Nun las er eine Frage aus seinem Kopf ab. Die Zeit war ohnehin überschritten und er hätte gern einmal einen zusammenhängenden Gedanken von ihr gehört. So fragte er, ob sie noch etwas fragen oder sagen wolle.&lt;br /&gt;
Sie hätte gern gefragt, ob in den letzten Tagen oder Jahren etwas Besonderes passiert sei. (Sie hätte dann erfahren, dass es einen folgenschweren Stromausfall im ganzen Land gegeben hatte.) &lt;br /&gt;
Aber sie sagte Nein und er bedankte sich und beendete die Verbindung mit einem letzten Klick. Das penetrante Piepen im Hörer schmerzte in ihrem Ohr. Sie raffte sich dazu auf, den Hörer in seine Mulde zurück zu legen. Sie zog sich über den groben Teppichbelag durch den Raum. Der Spiegel stand schräg an die Wand gelehnt. Eine millimeterdicke Schicht Staub hatte sich angesammelt und kam wie eine Lawine ins Rutschen. Sie blickte gefasst in das Augenpaar gegenüber. Ihre Haut war bläulich blass und faltenlos. Unter dem Ansatz zu einem Lächeln sammelten sich einige Fältchen in den Grübchen am Mund und verschwanden sofort wieder. Das Telefon klingelte ausdauernd.&lt;br /&gt;
Als sie es erreicht und den Hörer wieder heruntergelegt hatte, hörte sie seine Stimme.&lt;br /&gt;
Ich weiß, es ist etwas ungewöhnlich, aber dürfte ich Sie zum Essen einladen?&lt;br /&gt;
Ja, sagte sie. Etwas Warmes, bitte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
veröffentlicht als gleichnamiges Kurzhörspiel, Regie: Anna Kaleri 2005</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://shortbuttender.twoday.net/topics/Stories&quot;&gt;Stories&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Autor.in</dc:rights>
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  <item rdf:about="http://shortbuttender.twoday.net/stories/3950151/">
    <title>Vierbeinig</title>
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    <description>&lt;a href=&quot;http://shortbuttender.twoday.net/stories/4254113/&quot;&gt;[English version]&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Freunde haben auf den ersten Blick gesehen, dass es mit ihm und mir nicht gut gehen kann. Sie gaben uns höchstens ein paar Wochen. Und sie hatten absolut recht: Es ist eine Katastrophe und das schon seit fünf Jahren. Wir streiten uns nie, denn mein Kampfgeist tritt phasenverschoben zu seinem auf. Wir könnten uns z.B. nicht über einen Film oder ein Stück entzweien, weil ich nicht ins Kino gehe und er mich niemals ins Theater begleitet. Geschichten aus der Vergangenheit tauschen wir nicht aus. Wir sind uns nicht ähnlich genug, um uns in der Geschichte des anderen heimisch zu fühlen und nicht unterschiedlich genug, um die Geduld zum Zuhören aufzubringen. Selbst unsere Zukunft, die eigentlich gleichermaßen vor uns liegt, können wir uns nicht gemeinsam ausmalen. Er möchte in der Hauptstadt Karriere beim Fernsehen machen und wartet auf einen günstigen Moment. Ich studiere Landwirtschaft und möchte eine Korkplantage in Portugal übernehmen.&lt;br /&gt;
Was uns zusammenhält, ist natürlich die Bettgeschichte. Im Bett haben wir es gut miteinander. Wir entzünden uns gegenseitig, laden uns auf, legen die Nerven frei, bis sie wund werden. Was nicht heißt, dass es mit jemand anderem nicht gut oder sogar besser wäre. Und es ist auch nicht immer gut. Es gibt eben solche und solche Nächte.&lt;br /&gt;
Immer gleich ist die kleine Verwandlung, die mit ihm vor sich geht, kurz nachdem er das Kondom routiniert abgezogen und das Gewicht seiner in Gummi baumelnden Leistung eingeschätzt hat. Er überbrückt noch notdürftig mit dem gestreckten Arm die Entfernung, die durch die Kondomentsorgung zwischen uns entstanden ist, dann rollt er sich ausgepowert und zufrieden zum Schlafen ein. Er schläft sofort ein und nach einer Weile höre ich an seiner Hand (immer ist es die Rechte), wie die Fingernägel wachsen. Die Krallen biegen sich um samtweiche Ballen und die Finger ziehen sich ein, die Hand wird runder und die Härchen auf dem Handrücken beginnen zu wuchern. An seinem Kopf schieben sich die Spitzen der Ohren aus den Haaren und glänzendes, schwarzsamtiges Haar wächst nun aus jeder Pore seinen Körpers. Der Schwanz legt sich in behaglichem Bogen vor seinen Bauch. Wenn ihn im Traum etwas aufregt, beginnt die Schwanzspitze zu zucken. Dann streichle ich ihn und manchmal erwacht er kurz, blickt mir klar und brunnentief und irgendwie abwesend in die Augen, putzt aus Reflex einmal über seine stattlichen Schnurrhaare und schläft weiter.&lt;br /&gt;
Mit dem Morgenlicht gewinnt er seine alte Gestalt zurück. Er schaltet seine Fernseh- und Hauptstadtgedanken ein, noch bevor er merkt, dass jemand neben ihm liegt. Einen Morgenkuss erwarte ich schon lange nicht mehr. Ich bin glücklich über sein kleines Geheimnis und behalte es natürlich für mich, denn ich würde ihn ungern in seinem Selbstbild verstören.&lt;br /&gt;
Da ich so genau weiß, warum ich an ihm hänge, frage ich mich nur von Zeit zu Zeit, was ihn eigentlich an mir hält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
veröffentlicht in: Tierische Liebe, Eichborn, 2005</description>
    <dc:creator>Autor.in</dc:creator>
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