Dienstag, 1. April 2008

Mehr ist weniger

Es gibt mehr! Allerdings nicht hier. Aus veröffentlichungstechnischen Gründen wird diese Internetpräsenz ab jetzt Monat um Monat schrumpfen. Carpe diem!
79mal gelesen

Samstag, 1. März 2008

Kurze Geschichte vom langen Sex

Es beginnt mit einem lautlosen Vibrieren, das an den Schleudergang einer beladenen Waschmaschine erinnert, wenn sie sich allmählich in Schwung wuchtet und erst den Boden, auf dem sie steht, in Schwingung versetzt, sich dann auf die Wände überträgt, die mit dem Holzboden meines Zimmers verbunden sind und schließlich auf das Holzgestell meines Bettes. Ich spüre die Vibration in meinen Waden.
Wir liegen durchgeschwitzt nebeneinander, die Glückseligkeit ist auf dem Weg zum Fenster in den Gardinen hängen geblieben. Das Zittern beginnt von neuem, begleitet von einem weiblichen Röhren und einem männlichen Miauen, als vertauschten sich die Stimmen. Nach einer kleinen Pause ertönt in der Wohnung unter uns wieder der Bass des Mannes. Sie sprechen miteinander.
Meinen Freund überkommt es noch einmal, das merke ich daran, wie er sich an mich schmiegt und mich nicht nur mit seinem Bein in Beschlag nimmt, sondern von dieser Stellung einen kleinen Lustgewinn bezieht. Unter uns stöhnt und quietscht die Frau, als riefe sie um Hilfe. Die Scheiben im Fenster beginnen zu klirren.
Ich kann nicht, sage ich, und vom unterdrückten Lachen schüttelt es meinen Bauch. Das ist das erste Mal, dass ich im Bett laut spreche, bisher hatte ich geflüstert, als gälte es, etwas Heimliches zu bewahren. Meinem Freund liegt das Flüstern nicht, wenn er es versucht, muss er am Morgen einen Pfropf aus der Kehle husten.
Die Beiden unter uns haben den Sex ihres Lebens, sagt er.
Ein paar Wochen später geht unsere Beziehung in die Brüche. Ich frage mich, ob man nicht mit jedem Tag das Recht auf eine gemeinsame Zukunft erwirbt. Aber ich glaube, man hat kein Recht auf irgendetwas, außer zu sterben, maximal. Nach zwei Wochen taucht mein Freund mit einer Neuen auf. Nicht unser sichtbar gemachtes Ende macht mich wütend, sondern dass er unserer Geschichte keine Zeit zum Nachklingen lässt. Er überdeckt sie mit einer neuen Frau, mit der er nicht lange zusammen bleiben wird, das sehe ich auf den ersten Blick. Die Bettwäsche von unserem letzten Mal habe ich mit spitzen Fingern abgezogen, sie liegt gewaschen und ungebügelt im Schrank.
Es ist halb eins, der Boden vibriert. Ich frage mich, wie stabil so ein Gründerzeithaus eigentlich ist. Ob es nicht irgendwann Risse im Putz gibt, oder im Mauerwerk. Wir hatten den Sex des Lebens auf drei Jahre verteilt. Unter mir wieder das Gestöhn. Dann reden sie miteinander. Dann dröhnt auf der Straße ein Motor. Der Bass fährt zu seiner Frau nach Haus.
58mal gelesen

Freitag, 1. Februar 2008

Staubtrockenheit

Sie sind überall. Mit ihren Brillen und streng nach hinten gekämmten Pferdeschwänzen, die unsere angehenden Akademikerinnen aussehen lassen wie Zwölfjährige. Mit überpuderten Pickeln, weggespartem Lippenstift. Sie tragen Hosen, körperbetont mit der Betonung auf wenig ausgewogene und schon gar nicht wogende Hinterteile. In der Linguistik ist es das Gleiche wie in den Naturwissenschaften und in der Abteilung für Psychologie. Nur in die Kulturwissenschaften verirren sich vereinzelt praktizierende Ästhetinnen, die jedoch, wenn ich das nächste Mal aufblicke, eine besitzergreifende Pranke auf ihrer Schulter liegen haben. Von einem männlichen Wesen, das eher zur ersten Kategorie Frau gepasst hätte, versteht sich.
Heute erklimme ich, meine Bücher unter dem Arm, die Wendeltreppe zur Philosophie. Das Thema für mein Referat hat mich nach einer halben Stunde des Ringens gepackt. Nach zwei Stunden jedoch fangen die Buchstaben unter meinen Augen an zu einem hellgrauen Brei zu verfließen und mir wird klar, dass der Inhalt der Zeilen schon seit der letzten Seite nicht mehr zu mir vorgedrungen war. Ich lege die Brille beiseite und breite die Arme über meinen Spiralblock und lege den Kopf in die weiche Mulde. Das Papier bildet eine Isolationsschicht zwischen meiner Wange und der Nacktheit des lackierten Holzes. Nirgends kann man so wunderbar schlafen wie in einer Bibliothek. Die gedämpften Geräusche verwischen zu dem so genannten weißen Rauschen, das einen an die Zeit im Mutterleib erinnern soll.
Ich hörte eine weiche Stimme. Sie ließ mich aus dem Uterus auftauchen und am Ufer der Realität stranden, wo allerdings ein sehr weich gezeichnetes Dekolleté in meinen Blick fiel. Ich setzte die Brille auf und war begeistert darüber, dass der Weichzeichner nur unwesentlich nachließ.
Du hast das einzige Exemplar, sagte die weiche Stimme; ich müsste nur das Inhaltsverzeichnis kopieren.
Sie entschuldigte sich dafür, dass sie mich geweckt hatte.
Nein, das war gut, ich hab so viel zu tun, sagte ich und tat schlaftrunken, obwohl ich innerlich schon am Drähte ziehen war. Wie ließen sich meine Wünsche miteinander verbinden, da sich die Cafeteria auf der einen und der Kopierer auf der anderen Etage befanden?
Ich bräuchte auch eine Kopie, sagte ich nach dem Durchleben von Stundensekunden denkerischer Höchstleistung. Am Kopierer fiel mir auf, dass ich meine Chipkarte nicht dabei hatte und sie lud mich auf fünf Kopien ein, worauf ich sie auf einen Kaffee einladen konnte. Ich trank zwei Espressi, während sie an ihrem Milchkaffee nippte. Dann nahm ich die junge Frau mit zu mir nach Haus. Ich hatte noch deutlich im Ohr, wie sie sagte, sie hätte mich überall gesucht, weil es nur ein Exemplar gab, wie man ihr an der Ausleihe mitgeteilt hatte und ich sagte mir, nun, da sie mich gefunden hatte, konnten wir ja gleich zu mir gehen.
Sie kam aus dem Bad halb entkleidet zurück, den Rest ihrer Kleidung legte sie vor meinen Augen ab. Sie löste auch ihren Haarknoten und das rossbraune Haar wallte zu beiden Seiten herunter wie bei einer Figur von Edgar Munch. Sie ließ sich auf mir nieder. Mit dem Auskleiden war ich doppelt so schnell gewesen wie sie, aber angesichts ihrer ausgeprägten Reize fühlte ich mich voll gerüstet und im Klaren darüber, an ihren überweichen Klippen zu bersten. Sie überflutete mich mit ihren samtenen Haaren, unter der meine Haut lustvoll zu Gänsehaut gefror. Etwas Warmes, Feuchtes ging von ihrer Körpermitte aus und schwappte in meinen Schoß, wo mein Fischlein zuckend zu immer ungeheuer werdender Größe anwuchs und sich in den Lippen ihres zweiten Gesichtes wand. Das Wasser überströmte meine Brust, stieg zum Hals. Es schmeckte salzig, es überspülte mich, ein Blubbern entglitt mir, sie wand sich auf mir, schrie lustvoll - Cri du chat - fiel mir ein und ich war stolz darauf, auch in dieser Lage noch Herr über mich zu sein, sie sang wie eine Sirene, wie das Signal der Bibliotheksansage. Sehr geehrte Nutzer. Wir schließen in wenigen Minuten. Ich hob den Kopf. Mein Rachen fühlte sich rau an. Eine Pfütze aus Speichel hatte sich auf meinem Spiralblock gesammelt.

Alle Rechte vorbehalten
145mal gelesen

Mittwoch, 30. Januar 2008

Blogseller

Die Wärterin
Autor.in - 1. Jun, 22:32
400mal gelesen
8 Kommentare - Kommentar verfassen
102mal gelesen

Donnerstag, 3. Januar 2008

Hanane

Kaum hatten wir den Vorraum durchschritten, umgab uns der Geruch von Moos. In dichten Schleiern stieg die heiße Feuchtigkeit auf. Aus vergoldeten Schlangenköpfen floss unaufhörlich das Wasser. Ich füllte eine Schale und ließ das Wasser in die Zweite überschwappen, hin und wieder zurück. Ich hatte ein Tüchlein unter mich gelegt, so wie die Tante es mir gezeigt hatte. Wenn ich mich drehte und beugte, spürte ich den nassgesogenen Stoff. Ich ließ das Wasser über meinen Rücken laufen, dann über die Brüste. Es jagte mir einen Schauder ein, immer noch war es ein wenig zu heiß. Die Tante seifte mich ein, schrubbte meinen Rücken und schlug mit dem Lappen, dass es schäumte. Dabei dachte sie an den unglücklichen Onkel, der für ein Jahr von der Familie weggeschickt worden war, weil er seine schwarzen ausufernden Augen nicht von mir lassen konnte. Meine Beckenknochen scheuerten auf den Kacheln, aber ich gab keinen Ton von mir.
Ich trocknete mich ab und hüllte mich in ein Laken. Die Tante bestellte einen Tee für uns und ich ließ mich auf einem Teppich nieder, schob mir die Seidenkissen mit Knöpfen und goldenen Troddeln zurecht. Musik wurde angestellt. Ich nippte an dem Gläschen. Die Tante redete mit gedämpfter Stimme und flinken Handbewegungen mit den anderen Frauen, die wie Schiffe aus Fleisch auf einem trägen Meer wogten.
Ich träumte meinen liebsten Traum.
Ich hätte einen Raum für mich allein mit einem großen Spiegel darin. Vor ihm würde ich einen Tanz üben, mit dem ich meinem zukünftigen Mann gefallen würde. Wenn ich mir vorstellte, wie er sich mit begehrlichen Blicken bis zum Ende des Tanzes zügeln musste, sah ich Farshad, meinen mittleren Bruder vor mir. Der hart ausgestoßene Schlag der Musik drang in meinen Körper und wurde weich aufgefangen. Ich kreuzte die Enden eines dreieckigen Tuches über der Brust. Der durchscheinende Stoff glitt über meine Brüste. Die Fransen ahmten mit kitzelnden Schwüngen das ruckartige Winden meines Körpers nach. Ich griff in die Luft, um das schöne Gesicht meines Geliebten zu umschreiben. Ich schob meinen Rock in beiläufigen Bewegungen über die Hüften, sah Farshad an den Stäben des Brudergefängnisses rütteln und schreien, ohne das ein Ton aus ihm drang.
Zeit für die Massage, Hanane, sagte die Tante und verpasste mir einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. Ich erhob mich wie unter schweren Schleiern. Die Tante bohrte mir einen ihrer dicken, beringten Finger in den Rücken und ließ mich am Ende eines fast dunklen Ganges stehen. In einem Windlicht züngelte eine Kerze vor sich hin. Als sich die Kammer öffnete, strömte mir ein betörend starker Duft entgegen. Es wurde schwarz um mich. Einige Zeit später fand ich mich auf einer Liege mit entblößtem Oberkörper im rotfadigen Licht einer Lampe wieder. Die Hände ertasteten die Wege meines Rückens und taten mir bald so wohl, dass ich nicht wagte, tief zu atmen. Ich wünschte mir, dass es nie aufhörte. Klein waren die Hände und packend, zwischendurch spürte ich etwas Seidenweiches über mich gleiten mit dem Gruß einer kühlen Perle mittendrin. Die Hände umfassten mein Gesäß und zogen es im Rhythmus der Musik auf und drückten beim Zusammenschieben meine Körpermitte in die Matratze. Unter den Händen, die einer Frau gehören mussten, kreiste ich auf einem Hügel, der aus meiner Mitte her anschwoll und dann spürte ich einen Moment lang Fingernägel und den Ruck, mit dem sie die Tücher von mir weg zog. Meine Gesäßberge breiteten sich befreit und verlangend ihr entgegen. Ich hörte, wie sie die Tür abschloss. Ihre Finger suchten meinen Mund. Die metallische Süße des Schlüssels verbreitete sich mit kleinen Stromstößen auf meiner Zunge. Sie betrachtete mich mit den Händen, drückte meinen Steiß wie einen Zauberpunkt nach unten und ich spürte ein Pochen, das mich durchgleißte.
Hanane, bist du da drin, hörte ich die dröhnende Stimme meiner Tante.
Ja, Tante, antwortete ich. Der Schlüssel fiel klimpernd zu Boden.

Alle Rechte vorbehalten
234mal gelesen

Montag, 17. Dezember 2007

Spitzenreiter(in)

Die Wärterin
Autor.in - 1. Jun, 22:32
300mal gelesen
8 Kommentare - Kommentar verfassen
148mal gelesen

Samstag, 1. Dezember 2007

Das Casanova-Gen

Seine Entzweiung vom Mutterleib und damit eigentlich von der ganzen Welt, hatte schon vor der offiziellen Geburt begonnen. Sie bedeutete die Glasscheiben des Brutkastens. Später trennten sich seine Eltern. Er sprach nicht oft darüber, aber es war schon klar, dass er sich mit dem Fehlen von Mutterbrust und funktionierendem Familienmodell aus der Verantwortung ziehen wollte. Sein Leben verlief als zickzackförmige Vorwärtsflucht auf der Spur einer jeweils brandheißen und bestenfalls großbusigen Frau. Manchmal geriet er an eine kleinbusige, familiäre Frau, aber immer kam etwas Neues dazwischen. Aus diesem Grund beschrieb er sein Telefonbuch nur mit Bleistift und konnte so die nicht mehr aktuellen Nummern problemlos ausradieren. Mit zweiunddreißig fühlte er sich eine Zeitlang todsterbenskrank. Der Arzt konnte nichts feststellen außer einer Katzenhaarallergie. Mit fünfundvierzig befiel es ihn noch mal, als seine ehemaligen Kommilitonen schon mit ihren Kindern Abituraufgaben lösten. Er ließ seinen Samen und sein Blut untersuchen und weil die Wissenschaft schon sehr fortgeschritten war, konnte man ein Gen nachweisen, das man auch in den jahrhundertealten Knochen von Don Juan und Giacomo Casanova entdeckt hatte: Das Casanova-Gen. Nach diesem Befund fand er sich mit seinem ohnehin nicht besonders unbequemen Schicksal ab, ja, es lieferte eine Erklärung, die noch unanzweifelbarer war als jede zuvor– bis nach ein paar Wochen ein Ergebnis nachgereicht wurde. Man hatte die frische Untersuchung mit der Blutentnahme aus seiner Frühchenzeit verglichen und konnte dort kein solches Gen entdecken.
123mal gelesen

Donnerstag, 1. November 2007

Ein Tag wie jeder

Die Erledigung hatte ein wenig länger gedauert als erwartet. Als ich aus dem kathedralartigen Portal der Bank trat, versuchte sich ein Hupgeräusch den Weg durch die dröhnende Eintönigkeit des Großstadtverkehrs zu bahnen. Ich sah eine junge blonde Frau unter dem morgenblauen Himmel in der offnen Tür ihres Wagens stehen. Der routinemäßige Wechsel von Hupen und Loslassen hinterließ in ihrem Gesicht weder Anzeichen von Wut noch Resignation. Das Auto, das ihr die Möglichkeit zum Wegfahren versperrte, war meines. Ich bediente die Türentriegelung nicht aus einer imponierenden Entfernung, wie sonst manchmal. Im Gegenteil, ich hoffte, dass sie das unterdrückte Quietschen der Zentralverriegelung als eine Art Entschuldigung auffasste. Ich schaltete gedankenlos den Motor ein und sah beim Blick über die Schulter, dass die Frau noch immer in der Tür ihres Wagens stand. Die Sonne fiel direkt in ihre Augen. Ihr helles Haare wurde umgeben von einem rötlich goldenen Schein.
Ich ließ die Scheibe herunter.
Wollen Sie einen Kaffee mit mir trinken?
Sie sah mich an, wie erwachend und ohne Anzeichen von Ärger.
Ja, warum nicht, erwiderte sie langsam.
Ich kenne um die Ecke einen netten Platz, sagte ich, meine Ungläubigkeit unterdrückend.
Sie schloss ihr Auto ab, sie meinte, dass sie wohl einen ganz passablen Parkplatz hätte und daher das Stückchen auch mit mir fahren könnte. Sie stieg in meinen Wagen und ich fuhr wie in Trance durch meine Stadt, erinnerte mich vage, manche Ecken schon mal gesehen zu haben. Wir fanden einen Parkplatz nahe dem Retiro. Dann schritt sie neben mir her, die Kiesel knirschten unter den Füßen. Über den Teich schwappte Gitarrenmusik, jemand, den man nicht sehen konnte, plimperte „Stairways to heaven“. Als hätte sie erraten, was ich dachte oder was mir diffus durch den Kopf ging, schmunzelte sie hörbar, während wir drei, vier Stufen erklommen und auf ein leeres Parkcafé zusteuerten.
Was hatten Sie denn heute noch vor, mit Ihrem Tag?, fragte ich.
Das erzähl ich Ihnen später. Erst sind Sie dran.
Ich sah eine getigerte Katze hinter einer Reihe von Büschen entlang huschen und fragte mich, wie sie hier her kam und vor allem, wie wieder heraus, über die schwer befahrenen Straßen, die den Retiro umgaben.
Mein Tag? Ganz gewöhnlich, ein paar Termine, etwas am Rechner sitzen, am Abend ein Essen mit Geschäftspartnern.
Ich entschuldigte mich nach diesem Stichwort, rief im Büro an, schwindelte gelinde in das Mobiltelefon und schaltete es aus.
Nun Sie, sagte ich und wagte, ihre ausgestreckt auf dem Tisch liegende Rechte mit meinen Händen einzuzäunen. Einzumauern. Ich nahm eine Hand wieder weg.
Ich wäre mit dem Zug elf Uhr fünfundvierzig nach Barcelona gefahren, um dort morgen zu heiraten.
Oh, gratuliere, sagte ich reflexartig. Ich schaute eine Weile auf das Wasser. Der unsichtbare Gitarrenspieler suchte gerade in seinen Noten.
Das bedeutet, ihr Ticket ist gerade ungültig geworden, sagte ich. Das tut mir leid, ich ersetze es Ihnen selbstverständlich.
Nein, nein, sagte sie, Ihnen geht wahrscheinlich auch ein wichtiges Geschäft durch die Lappen.
Durch die Lappen, hatte sie tatsächlich gesagt. Ein Geschäft. Ich berührte ihre Hand und wollte sagen, dass die Geschäfte bei mir alles andere als schnell und verbindlich vonstatten gingen, aber ich sagte: Ein Geschäft ist doch nichts im Vergleich zu einer Hochzeit.
Das kommt darauf an, sagte sie und lachte.
Mich überkamen ungeahnt kitschige Wallungen angesichts ihrer Augen. Bisher hatte ich Blau mit Klarheit und Kühle verbunden und verspürte höchstens einen exotischen Reiz, aber ihre Augen empfand ich als klar und warm. Die engmaschige Lehne in meinem Rücken schien nachzugeben, so dass ich fürchtete, nach hinten weg zu sinken.
Ist Ihnen nicht wohl?, fragte sie mit besorgter Stimme.
Doch, sehr.
Sie holte ein Tuch aus ihrer Tasche und tupfte mir den Schweiß von den Schläfen. Ich hatte noch nie zuvor an meinen Schläfen geschwitzt. Sie rief nach einem Glas Wasser.
Mir, sagte ich, nachdem ich das Glas in einem Zug geleert hatte, mir ist schon viel passiert, aber das nicht.
Was?, fragte sie, ihre Augen aufmerksam in meine versenkend. Ich konnte diesem Blick nicht lange standhalten und verspürte den merkwürdigen Zwang, genau das zu sagen, was ich dachte.
Ich würde gern mit Ihnen sein.
Mit mir schlafen?
Die Frage versetzte mir einen Stoß.
Nein, nein, verstehen Sie mich nicht falsch.
Sie sind verheiratet? Und katholisch?
Ja nein, ich meine, katholisch, ja.
Sie öffnete ein Zuckertütchen und leerte es in den Kaffee, den sie bisher ohne etwas getrunken hatte. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und beging jede Bewegung mit einer Kontenance, die wirkte, als sei sie jeder Situation gewachsen.
Wie haben Sie denn Ihren Bräutigam kennen gelernt, fragte ich mit dem festen Entschluss, mein Leben wieder in meine Hände zu nehmen.
Vor acht Jahren. Auf einer Insel. Vor einem Jahr sind wir dann endlich zusammen gekommen.
In meinem Kopf rumorten die Sätze.
Ich habe noch die Schlüssel zu meiner alten Wohnung, sagte sie.
Sie möchten also nichts mehr trinken?
Sind Sie nun verheiratet oder nicht, fragte sie auf einmal nachdrücklicher.
Ich konnte nicht lügen. Wieder das Gefühl, den Halt des Stuhles zu verlieren, diesmal zog er sich unter mir weg in Richtung Boden.
Ich könnte mich scheiden lassen, sprach es aus mir heraus. Im gleichen Moment schimpfte eine Stimme los, die ich bisher nicht kannte.
Was redest du denn da für eine verdammte Scheiße?
Sie hatte Recht, die Stimme in meinem Innern, die hoffentlich nur in meinem Innern zu hören war. Noch gestern hatte ich nach etlichen Drinks meinem Kumpel anvertraut, dass meine Frau mir wie eine letzte Bastion vorkam, besonders jetzt, in der Wirtschaftskrise. Und noch heute morgen (ich sah automatisch auf die Uhr, um festzustellen, dass es gerade vier Stunden her war), hatte ich einen Kuss in die Schlafwärme zwischen ihre Wange und das Kopfkissen gedrückt, im Stillen dankbar, dass sie ihren sehnlichen Wunsch nach einem Kind noch einmal, wieder einmal aufschob, für uns.
Die Kellnerin kam auf das Zeichen hin, das ich in die Luft geschrieben hatte. Ich griff in mein Portemonnaie, das Geld fügte sich in meine Hand wie ein Lappen, ein Lappen aus abgegriffenem Papier.
Wir fuhren zu der Adresse, die sie mir genannt hatte. Wir redeten nicht. Die Musik passte nicht zu meiner Stimmung. Ich wusste nicht, welche Musik gepasst hätte. „If I could fly“, gab es so ein Lied?
Ich brauche nicht unbedingt Musik, sagte sie, sagte sie weich. Nicht weichgespült, sondern in der natürlichsten Verbindung von klar und weich. Wir hielten vor einem zeitlosen Haus. Sie bediente den Lift und öffnete die drei Schlösser zu der Wohnung mit gewohnten Handgriffen.
Ich wartete darauf, dass in dem Film, in dem ich ungefragt mitspielte, das erwartete Unerhörte eintrat, dass hinter der Tür meine Frau stand mit einem Schild um den Hals „Überraschung, mein Schatz“. Oder dass mich die Frau in den S/M-Keller unter ihrer Küche führte.
Hast du Hunger?, fragte sie. Ich bin Spezialistin für schnelle Gerichte.
Ich, danke, ich hab keinen Hunger. Wo ist denn das Bad?
Die Stille zwischen den Kacheln sollte mir helfen, mich wieder zu finden. Stattdessen stellte ich fest, dass im Bad die Ritzen neu verfügt waren und die Fliesen ihrem Ursprung nach azurblau . Das Haar, das sich halb unter dem Bodentuch ringelte, ließ mich fühlen, als wäre ich hier zu Hause. Wahrscheinlich saß ich sehr lange auf dem geschlossenen Toilettendeckel.
Sie hatte ein paar Häppchen auf einer Platte arrangiert. Alles was der Eisschrank hergegeben hat, sagte sie. Eine Mischung aus mediterraner und mitteleuropäischer Küche: Muscheln in einer Meerrettich-Creme und Tintenfischringe in Käsemantel. Durch das Hellblau ihrer dünnen Bluse ahnte ich das Blumenmuster ihres BHs, ahnte die Form ihrer Brüste, nicht üppig, sondern in Harmonie mit ihrem ranken Körper. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich etwas sagen müsste. Ich ließ sie mein Hemd aufknüpfen. Ich küsste ihren Hals. Zu sanft. Verdammte Scheiße, hämmerte die Stimme von innen gegen den Kopf, aber irgendwie nur formal, kraftlos. Warum auch strichen ihre Finger so über meine Brust, als wollten sie gar nicht um jeden Preis mein Hemd abstreifen, als meinte sie wirklich mich, einen Mann, der bis heute morgen noch zufrieden war mit seinem Leben.
256mal gelesen

Short, but tender

Jeden Monat eine neue Story.

User Status

Sie sind noch nicht angemeldet.

Advertising

PARSHIP.de - Die Online Partneragentur

Zufallsbild

PICT0074

Last comments

"Es gibt mehr! Allerdings...
"Es gibt mehr! Allerdings nicht hier." Ähem....
Talakallea Thymon - 23. Apr, 10:26
schade.
schade.
Talakallea Thymon - 2. Apr, 07:53
Der genaue Ort sind die...
Der genaue Ort sind die Stimmlippen, die am Anfang...
Autor.in - 15. Feb, 15:18
Aha. Und wie machen die...
Aha. Und wie machen die Menschen das? Vielleicht käme...
Talakallea Thymon - 14. Feb, 21:21
Der Phelidenrat
berät noch über das menschliche Unwort des...
Autor.in - 14. Feb, 21:11
nicht nur das. berühmt...
nicht nur das. berühmt sind sie für ihre...
Talakallea Thymon - 14. Feb, 10:44
Die Januarkatze
hingegen wartet noch auf ihr Hineingemogelt-werden. Wie ...
Autor.in - 13. Feb, 23:10
"cris du chat" -- alle...
"cris du chat" -- alle achtung, das ist wirklich raffiniert...
Talakallea Thymon - 7. Feb, 09:42
Deutungsoffenheit
...macht meines Erachtens eine der Qualitäten...
Autor.in - 17. Jan, 17:44
Ich meine das so, daß...
Ich meine das so, daß die evozierten Dinge mehr...
Talakallea Thymon - 11. Jan, 10:16
ach so, also Hanane ist...
ach so, also Hanane ist arabisch und heißt Zärtlichkeit.
Autor.in - 10. Jan, 19:47
An den Katzenhaaren
müsste die Katze hier herbei gezogen wären,...
Autor.in - 10. Jan, 19:47

Credits


Stories
Stories in English
Vermischtes
Zu den Autoren
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren