Die Wärterin
Ein Zug war nicht zu sehen. Die Sicht auf die Gleise wurde zu beiden Seiten durch Büsche und Kurven beschränkt und da die Zikaden an diesem Sommerabend lärmten, als wäre der Sommer am nächsten Tag vorüber, konnte er nicht hören, ob ein Zug nahte. Er saß auf dem ausgeschalteten Mofa, ein Bein zur Seite gestützt und maß mit den Augen den Abstand von einer Schranke zur Gegenüberliegenden. Er sah einen ausgetretenen Pfad, der um das Warnkreuz herumführte. Er überlegte, welche Züge diese Gegend durchquerten und er konnte sich nichts anderes vorstellen als einen Güterzug oder einen Personenzug dritter Klasse, obwohl es ebenso möglich war, dass der Hochgeschwindigkeitszug, der den Süden im Zweistundentakt mit der Hauptstadt verband, durch diese gottverlassene Gegend fuhr. Bis zu den Kurven waren es auf beiden Seiten weniger als hundert Meter. Er rechnete sich aus, dass er die Schiene noch in Ruhe überqueren könnte, wenn er einen Güterzug um die Kurve biegen sah.
Das Bahnwärterhaus besaß in der obersten Etage zu drei Seiten Fensterfronten. Er bemerkte schemenhaft eine Person. Ein junges Mädchen trat ans Fenster. Er wusste nicht, was ihn dazu bewegte, ihr ein Zeichen zu geben, vielleicht weil er einen schweren Tag hinter sich hatte und eine gelassene Müdigkeit spürte. Vielleicht, weil er auf dem ganzen Weg keine Menschenseele getroffen hatte. Er deutete mit der flachen Hand auf die Bahnschiene und hob fragend die Schultern. Sie verstand. Sie zeigte mit dem Daumen nach rechts und tippte dann auf das Armgelenk, als trage sie daran eine Uhr. Er wandte sich wieder der Schranke zu und der Fortführung der Straße auf der anderen Seite. Er fühlte ihren Blick auf sich ruhen.
Als er wieder hoch sah, hatte sich das Mädchen ans Fenster gesetzt. Sie drückte eine schwarze Katze an ihren Leib. Von fern meinte er einen Zug zu hören. Das Mädchen stieß ihren Kopf verschmust gegen den Kopf der Katze. Das Geräusch wurde lauter. Das Mädchen öffnete ihre Bluse und drückte die Katze gegen ihre nackten Brüste. Der Schnellzug schoss mit seinem weißen schlangenhaften Kopf um die Kurve. Die Druckwelle ließ ihn ein wenig zurückweichen. Seine Haare flohen im Wind. Als der Lärm abgeschwollen war, saß das Mädchen nicht mehr am Fenster. Genauso phantomhaft, wie der Zug gekommen war, verschwand er wieder zwischen Bahnhängen und sonnenversengten Feldern.
Er startete den Motor und spürte die Vibration durch das Sitzpolster hindurch. Die Schranke tat keinen Wank. Er blickte wieder am Bahnwärterhäuschen hoch. Das Mädchen öffnete das Fenster und kletterte auf das schmale Fensterbrett. Sie hatte die Bluse lose über die Brüste geschlagen und sah ihn unverwandt an. Sie griff nach ihrem Rocksaum und zog den Rock in winzigen Rucken über die Knie. Er heftete seinen Blick auf die Schranke, die im leichten Wind kaum merklich schwankte. Er wartete. Dann schaltete er den Motor wieder aus, stieg ab und bockte das Mofa auf den Ständer.
Hör mal, rief er, willst du mich nicht endlich rüberlassen?
Das Mädchen zog den Rock noch etwas höher. Zwischen ihren Schenkeln tauchte ihre scheinbar noch nicht sehr dicht behaarte Scham auf. In ihrem Rücken strich die Katze entlang und reckte den zitternden Schwanz in die Luft.
Komm doch rauf, sagte das Mädchen und bevor er etwas erwidern konnte: Es gibt nur ein Problem. Mein Vater hat unten die Tür abgeschlossen.
Er sah auf die grün gestrichene Holztür und dann wieder auf die Schenkel des Mädchens.
Wie soll ich denn da rauf kommen?
Das Mädchen tschilpte wie ein Vogel, als unterhielte sie sich so mit der Katze. Sie spitzte die Ohren, dann setzte sie behutsam eine Pfote auf das Fensterbrett. Die Katze machte einen Satz und landete ein Stück tiefer auf einem Mauervorsprung. Sie lief ohne Zögern ein paar Meter an der Wand entlang, sprang wieder, lief ein Stückchen und gelangte auf diese Weise im Zickzack an der Hausmauer hinunter. Schließlich umrundete sie einmal seine Beine und verschwand im Gebüsch.
Das Mädchen winkte ihn zu sich. Er trat an die Mauer und sah ihren Schoß direkt über sich. Er griff nach einem Vorsprung. Er fühlte den rauen Stein. Das Mädchen sah mit einem spöttischen Zug um den Mund auf ihn herunter. Er verkrampfte die Finger, machte einen Klimmzug, legte ein Knie auf, griff mit einer Hand nach einem Blitzableiter und zog sich daran hoch. Ihm schoss Hitze in den Kopf. Er wünschte sich, dass das Mädchen so sitzen blieb. Aber sie zog die Beine an, schwenkte zur Seite und glitt in den Raum. Er hatte die nächste Stufe erreicht. Er befürchtete einen Augenblick lang, sie würde das Fenster schließen und über ihn lachen. Er achtete nicht mehr darauf, wohin er trat. Die Zikaden und die Schwüle besäuselten ihn. Er griff nach der Kante des Fensterbrettes. An der Decke des Zimmers sah er die Reflexe der gelben Felder flirren. Ein letzter Kraftakt und er war auf dem Fensterbrett. Nachdem sich seine Augen an das Streulicht gewöhnt hatten, betrat er den Raum. Er sah einen Schaltpult, einen Tisch, auf dem Bierflaschen mit abgepulten Etiketten standen. Auf einer Illustrierten stand eine Untertasse mit Zigarettenkippen.
Ihn überlief ein Schauder. Das Mädchen hatte sich hinter ihn gestellt. Sie schob sein Hemd hoch und drückte ihre Brüste gegen ihn. Er spürte die kühlen Brustwarzen. Er griff hinter sich und umfasste ihre Taille. Nach einer Weile drehte er sich um. Nackt und mit geschlossenen Augen stand sie vor ihm. Sie tastete an seinem Gürtel entlang.
Wir müssen uns beeilen, weil mein Vater bald zurückkommt.
Hörst du dass?
Die Zikaden hatten sich gelegt. Weit hinten in der Stille hörte er das rhythmische Geräusch eines schweren Zuges. Das Mädchen zog sich an. Sie reichte ihm seine Hose. Vor einer Spiegelscherbe kämmte sie sich die Haare.
Ich zeig dir den Weg, sagte sie in den Spiegel hinein.
Das Mädchen öffnete die Tür zum Treppenhaus und führte ihn hinab.
Duck’ dich hier unter die Treppe. Wenn mein Vater vorbeigegangen ist, schleichst du dich aus dem Haus.
Ist gut, sagte er.
Der Zug hielt mit einem ohrenbetäubenden Quietschen. Kurz kam ihm die Idee, dass die Tür gar nicht abgeschlossen war. Das Mädchen huschte die Treppe hoch, das letzte, was er von ihr sah, war ihr nackter, schmutziger Fuß. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gewuchtet. Der Alte stieß die Tür auf und rief nach dem Mädchen. Der Raum wurde von einer Bierfahne erfüllt.
Mit heiserem Glockenklimpern öffnete sich die Schranke. Er wagte nicht, zurückzusehen. Er startete, gab zu viel Gas und schoss über den Bahndamm. Er war gerade ein paar Meter gefahren, da sah er die Katze auf einem von der Abendsonne beschienenen Fleck sitzen und sich putzen. Er fuhr langsam heran. Die Katze erhob sich, streckte sich und kam gemächlich auf ihn zu. Er hielt ihr seine Hand entgegen. Sie schnupperte daran, ihre Schnurrhaare zitterten. Er drehte die Hand zu sich und entdeckte an seinen Fingern eine Spur von eingetrocknetem Blut.
Alle Rechte vorbehalten.
Das Bahnwärterhaus besaß in der obersten Etage zu drei Seiten Fensterfronten. Er bemerkte schemenhaft eine Person. Ein junges Mädchen trat ans Fenster. Er wusste nicht, was ihn dazu bewegte, ihr ein Zeichen zu geben, vielleicht weil er einen schweren Tag hinter sich hatte und eine gelassene Müdigkeit spürte. Vielleicht, weil er auf dem ganzen Weg keine Menschenseele getroffen hatte. Er deutete mit der flachen Hand auf die Bahnschiene und hob fragend die Schultern. Sie verstand. Sie zeigte mit dem Daumen nach rechts und tippte dann auf das Armgelenk, als trage sie daran eine Uhr. Er wandte sich wieder der Schranke zu und der Fortführung der Straße auf der anderen Seite. Er fühlte ihren Blick auf sich ruhen.
Als er wieder hoch sah, hatte sich das Mädchen ans Fenster gesetzt. Sie drückte eine schwarze Katze an ihren Leib. Von fern meinte er einen Zug zu hören. Das Mädchen stieß ihren Kopf verschmust gegen den Kopf der Katze. Das Geräusch wurde lauter. Das Mädchen öffnete ihre Bluse und drückte die Katze gegen ihre nackten Brüste. Der Schnellzug schoss mit seinem weißen schlangenhaften Kopf um die Kurve. Die Druckwelle ließ ihn ein wenig zurückweichen. Seine Haare flohen im Wind. Als der Lärm abgeschwollen war, saß das Mädchen nicht mehr am Fenster. Genauso phantomhaft, wie der Zug gekommen war, verschwand er wieder zwischen Bahnhängen und sonnenversengten Feldern.
Er startete den Motor und spürte die Vibration durch das Sitzpolster hindurch. Die Schranke tat keinen Wank. Er blickte wieder am Bahnwärterhäuschen hoch. Das Mädchen öffnete das Fenster und kletterte auf das schmale Fensterbrett. Sie hatte die Bluse lose über die Brüste geschlagen und sah ihn unverwandt an. Sie griff nach ihrem Rocksaum und zog den Rock in winzigen Rucken über die Knie. Er heftete seinen Blick auf die Schranke, die im leichten Wind kaum merklich schwankte. Er wartete. Dann schaltete er den Motor wieder aus, stieg ab und bockte das Mofa auf den Ständer.
Hör mal, rief er, willst du mich nicht endlich rüberlassen?
Das Mädchen zog den Rock noch etwas höher. Zwischen ihren Schenkeln tauchte ihre scheinbar noch nicht sehr dicht behaarte Scham auf. In ihrem Rücken strich die Katze entlang und reckte den zitternden Schwanz in die Luft.
Komm doch rauf, sagte das Mädchen und bevor er etwas erwidern konnte: Es gibt nur ein Problem. Mein Vater hat unten die Tür abgeschlossen.
Er sah auf die grün gestrichene Holztür und dann wieder auf die Schenkel des Mädchens.
Wie soll ich denn da rauf kommen?
Das Mädchen tschilpte wie ein Vogel, als unterhielte sie sich so mit der Katze. Sie spitzte die Ohren, dann setzte sie behutsam eine Pfote auf das Fensterbrett. Die Katze machte einen Satz und landete ein Stück tiefer auf einem Mauervorsprung. Sie lief ohne Zögern ein paar Meter an der Wand entlang, sprang wieder, lief ein Stückchen und gelangte auf diese Weise im Zickzack an der Hausmauer hinunter. Schließlich umrundete sie einmal seine Beine und verschwand im Gebüsch.
Das Mädchen winkte ihn zu sich. Er trat an die Mauer und sah ihren Schoß direkt über sich. Er griff nach einem Vorsprung. Er fühlte den rauen Stein. Das Mädchen sah mit einem spöttischen Zug um den Mund auf ihn herunter. Er verkrampfte die Finger, machte einen Klimmzug, legte ein Knie auf, griff mit einer Hand nach einem Blitzableiter und zog sich daran hoch. Ihm schoss Hitze in den Kopf. Er wünschte sich, dass das Mädchen so sitzen blieb. Aber sie zog die Beine an, schwenkte zur Seite und glitt in den Raum. Er hatte die nächste Stufe erreicht. Er befürchtete einen Augenblick lang, sie würde das Fenster schließen und über ihn lachen. Er achtete nicht mehr darauf, wohin er trat. Die Zikaden und die Schwüle besäuselten ihn. Er griff nach der Kante des Fensterbrettes. An der Decke des Zimmers sah er die Reflexe der gelben Felder flirren. Ein letzter Kraftakt und er war auf dem Fensterbrett. Nachdem sich seine Augen an das Streulicht gewöhnt hatten, betrat er den Raum. Er sah einen Schaltpult, einen Tisch, auf dem Bierflaschen mit abgepulten Etiketten standen. Auf einer Illustrierten stand eine Untertasse mit Zigarettenkippen.
Ihn überlief ein Schauder. Das Mädchen hatte sich hinter ihn gestellt. Sie schob sein Hemd hoch und drückte ihre Brüste gegen ihn. Er spürte die kühlen Brustwarzen. Er griff hinter sich und umfasste ihre Taille. Nach einer Weile drehte er sich um. Nackt und mit geschlossenen Augen stand sie vor ihm. Sie tastete an seinem Gürtel entlang.
Wir müssen uns beeilen, weil mein Vater bald zurückkommt.
Hörst du dass?
Die Zikaden hatten sich gelegt. Weit hinten in der Stille hörte er das rhythmische Geräusch eines schweren Zuges. Das Mädchen zog sich an. Sie reichte ihm seine Hose. Vor einer Spiegelscherbe kämmte sie sich die Haare.
Ich zeig dir den Weg, sagte sie in den Spiegel hinein.
Das Mädchen öffnete die Tür zum Treppenhaus und führte ihn hinab.
Duck’ dich hier unter die Treppe. Wenn mein Vater vorbeigegangen ist, schleichst du dich aus dem Haus.
Ist gut, sagte er.
Der Zug hielt mit einem ohrenbetäubenden Quietschen. Kurz kam ihm die Idee, dass die Tür gar nicht abgeschlossen war. Das Mädchen huschte die Treppe hoch, das letzte, was er von ihr sah, war ihr nackter, schmutziger Fuß. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gewuchtet. Der Alte stieß die Tür auf und rief nach dem Mädchen. Der Raum wurde von einer Bierfahne erfüllt.
Mit heiserem Glockenklimpern öffnete sich die Schranke. Er wagte nicht, zurückzusehen. Er startete, gab zu viel Gas und schoss über den Bahndamm. Er war gerade ein paar Meter gefahren, da sah er die Katze auf einem von der Abendsonne beschienenen Fleck sitzen und sich putzen. Er fuhr langsam heran. Die Katze erhob sich, streckte sich und kam gemächlich auf ihn zu. Er hielt ihr seine Hand entgegen. Sie schnupperte daran, ihre Schnurrhaare zitterten. Er drehte die Hand zu sich und entdeckte an seinen Fingern eine Spur von eingetrocknetem Blut.
Alle Rechte vorbehalten.
Autor.in - 1. Jun, 22:32
785mal gelesen
LadyMarguerite - 27. Jun, 07:21
Dennoch wirkt es nostalgisch auf mich.
(Mir fällt gerade auf: bei Euch ist es noch ziemlich früh ... 2 Stunden früher als auf meiner Uhr. Spielt auch das Blog in einem anderen Land? :-)
(Mir fällt gerade auf: bei Euch ist es noch ziemlich früh ... 2 Stunden früher als auf meiner Uhr. Spielt auch das Blog in einem anderen Land? :-)
Autor.in - 27. Jun, 13:51
im Zwischenland, Universal Time
kurt_starke - 27. Jun, 15:31
sehr athmosphärisch, sinnlich, schade, dass man so etwas in Buchform wenig in die Hand bekommt
Autor.in - 28. Jun, 11:15
in Deutschland ist man recht kategorisch. Die Verleger sagen, Short Stories werden nicht gekauft, also gibt es keine Short Stories zu kaufen ... Und dann noch die Genregrenzen, da gibt es entweder schöngeistige Literatur oder Pornografie (die man hinter den anderen Büchern im Buchregal versteckt), aber das ganze fruchtbare Dazwischen, das Spektrum, hat wenig Chance sich auszuleben.

Die Geschichte holt die Nostalgie vergangener Zeiten zurück. Wann stolpert man heutzutage schon noch über ein besetztes Bahnwärterhäuschen ;-)