Donnerstag, 1. November 2007

Ein Tag wie jeder

Als ich nach einer Erledigung, die länger gedauert hatte als erwartet, aus dem marmorkalten Inneren der Bank ins Freie trat, bahnte sich ein Hupgeräusch den Weg durch die dröhnende Eintönigkeit des Großstadtverkehrs. Ich sah eine junge Frau unter dem morgenblauen Himmel in der offnen Tür ihres Wagens stehen. Der routinemäßige Wechsel von Hupe drücken und - loslassen hinterließ in ihrem Gesicht weder Anzeichen von Wut noch Resignation. Das Auto, das ihr die Möglichkeit zum Wegfahren versperrte, war meines. Ich bediente die Fernbedienung erst, als ich schon vor der Fahrertür stand und hoffte, dass die Frau das unterdrückte Quietschen der Verriegelung als eine Art Entschuldigung auffasste. Ich schaltete gedankenlos den Motor ein und sah beim Blick über die Schulter, dass die Frau noch immer in der Tür ihres Wagens stand. Die Sonne fiel direkt in ihre Augen. Ihr helles Haar wurde umgeben von einem rötlich goldenen Schein.
Ich ließ die Scheibe herunter.
Wollen Sie einen Kaffee mit mir trinken?
Sie sah mich an, irgendwie erwachend und ohne Zornesausbruch.
Ja, warum nicht, erwiderte sie langsam.
Ich kenne um die Ecke einen netten Platz, sagte ich, meine Ungläubigkeit überspielend.
Sie sagte, dass sie wohl einen ganz passablen Parkplatz hätte. Sie schloss ihr Auto ab, stieg in meinen Wagen und ich fuhr wie in Trance durch die Stadt, in der ich schon immer lebe und erinnerte mich doch nur vage, manche Ecken schon einmal gesehen zu haben. Wir fanden einen Parkplatz nahe dem Stadtpark. Ein paar Momente später schritt sie neben mir her, die Kiesel knirschten unter den Füßen. Über den Teich schwappte Gitarrenmusik, jemand, den man nicht sehen konnte, klimperte „Stairways to heaven“. Als hätte sie erraten, was mir diffus durch den Kopf ging, schmunzelte sie hörbar, während wir drei, vier Stufen erklommen und auf ein leeres Parkcafé zusteuerten.
Was hatten Sie denn heute noch vor, mit Ihrem Tag?, fragte ich.
Das erzähl ich Ihnen später. Erst sind Sie dran.
Ich sah eine gefleckte Katze vor einer Reihe von Büschen entlang huschen und fragte mich, wie sie hier her kam und vor allem, wie wieder heraus, über all die schwer befahrenen Straßen, die den Park umgaben.
Mein Tag?, sagte ich. Ganz gewöhnlich, ein paar Termine, Mails schreiben, Kalkulationen, am Abend ein Essen mit Geschäftspartnern.
Ich entschuldigte mich nach diesem Stichwort, rief im Büro an, schwindelte fließend und gelinde in das Mobiltelefon und schaltete es aus.
Nun Sie, sagte ich und wagte, ihre ausgestreckt auf dem Tisch liegende Rechte mit meinen Händen einzuzäunen. Einzumauern. Ich nahm eine Hand wieder weg.
Ich wäre mit dem Zug elf Uhr fünfundvierzig nach Barcelona gefahren, um dort morgen zu heiraten.
Oh, gratuliere, sagte ich reflexartig. Ich schaute eine Weile auf das Wasser. Der unsichtbare Gitarrenspieler suchte gerade in seinen Noten.

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Dienstag, 2. Oktober 2007

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Interview mit Anna Kaleri
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Montag, 1. Oktober 2007

Nachtpost

Ich lege den Taschenrechner beiseite, unterschreibe, falte das Papier, füge die Klebelaschen aneinander. Dann schäle ich mich aus meiner Tageskleidung, die mir staubig vorkommt. Ich stelle mich in die Badewanne. Die Emaille unter meinen Füßen bleibt lange kalt. Ich verbrauche beim Duschen so viel Wasser wie andere beim Baden, heißes Wasser. Rot wird meine Haut, leuchtend von innen, fleischig. Ich dehne mich in meiner Haut aus, fühle etwas in mir pulsieren, gegen den Schlaf, zu dem ich mich zwingen müsste.
Ernst schnarchelt leise im verzerrten Lichtkarree, das die Badezimmerlampe zu ihm herüber wirft. Er steht morgens um Sechs auf und muss deshalb abends um Zehn ins Bett. Ich ziehe mein Nachthemd über, blaue Blümchen auf weißem Baumwollgrund. Und darüber meinen schwarzen Rock, der noch vom Theater am Wochenende über dem Paravent hängt, dann Wollstrümpfe und meine bequemsten Schuhe. Den Wollschal schlinge ich dreimal um meinen Hals. An meinem Pelzmantel hängt ein Knopf nur noch an wenigen Fäden, aber ich habe keine Geduld für Nadelöhr und Faden.
Auf den Stufen einer Villa flackert Licht in dem ausgestochenen Schlund eines Kürbisses. An der Hauptstraße verdoppeln sich die Laternen und ihr Licht. Der Briefkasten, der nah am Bordstein steht, leuchtet in schmutzigem Gelb. Nur kurz, mit dem Blick auf die Bushaltestelle für den Flughafenzubringer, der Gedanke, der beginnenden Winterstarre zu entkommen. Hinter der Klappe gähnt dunkle Tiefe, am Tag öffnet manchmal jemand von der anderen Seite, dann fällt unvermutet Licht ein und es ergibt sich ein Durchblick oder ein Blick in ein fremdes Augenpaar, das genau wie ich dem Brief noch eine Weile folgen will, um sicher zu stellen, dass er wirklich im Kasten landet. Ich lasse die Klappe sinken. Nicht weit von mir fällt etwas klimpernd zu Boden. Eine Münze rollt über das Gehwegpflaster und gerät in einen Spalt. Ich hebe sie auf, die Münze ist groß wie ein 50-Cent-Stück, aber die Prägung erscheint mir seltsam.
Wie wär’s mit San Salvador?, fragt eine dumpfe Stimme aus der Bushaltestelle. Sie kommt von einem schwarzen Mantel, aus einem leeren Gesicht unter einem tief gezogenen Hut hervor. Ich strecke dem Mann leicht zitternd die Hand mit dem Geldstück entgegen.
Ich glaube, Sie haben etwas verloren.
Du kennst mich nicht?
Ich versuche etwas zu finden, an dem ich mich festhalten kann. Nichts. Meine Augen gleiten ab.
Natürlich kennst du mich.
Ich glaube, Sie verwechseln mich, sage ich und lasse meine ausgestreckte Handfläche federn, um den Mann an sein Geldstück zu erinnern. Auf meiner Hand liegt, eingerollt in die Mulde der Fingeransätze, ein Geldschein.
Alles, was du dir wünschst, sagt die Stimme.

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Samstag, 1. September 2007

Die Göttin neben mir

Deswegen kommst du erst jetzt, stellte Josephine fest.
Mich wollte kein Taxifahrer mitnehmen, sagte ich.
Ich hätte dich ja abholen können.
Es gab da Einiges, dass ich ihr nicht erklären konnte. Zum Beispiel, warum mir dieses abgehärmte Fellbündel überhaupt im Müll an der Straße aufgefallen war oder warum ich ohne nachzudenken nach ihm griff. Mir war es selbst schleierhaft, wie ich es unbemerkt durch den Zoll geschleust hatte oder wie es mir gelungen war, die Stewardess zu besänftigen. Schon bevor mir die Katze zulief oder genauer, bevor ich ihr meine Idee von einem besseren Leben aufdrängte, hatte ich zu Hause angerufen und Josephine gesagt, dass sie mich nicht abzuholen brauche. Dreizehn Stunden Flug erschienen mir viel zu kurz, um von Nepal Abschied zu nehmen und in Wien anzukommen, bei Josephine.
Ich nannte die Katze Kumari und erklärte meiner Frau, ich hätte das Wort irgendwo aufgegriffen, wüsste aber nicht, was es bedeute. Beim Tierarzt stellte sich heraus, dass Kumari alle erdenklichen Würmer und Ungeziefer mitgeschleppt hatte. Das Schicksal der Katze und dass der Arzt sozusagen Entwicklungshilfe leistete, machten keinen Eindruck auf ihn: Er schrieb eine stattliche Rechnung. Die kleinen Delikatessen, die ich für Kumari kaufte, brachten ihr Fell zum Glänzen. Ein einfaches Ei hätte die selbe Wirkung, meinte Josephine, aber die Katze nahm zu und wurde ein schwarzes graziles Luxusstück, das den Küchenschrank krönte und von dort nicht herunter zu locken war. Ihr Futter holte sie sich, wenn wir schliefen oder außer Haus waren. Wenn sie zur Katzentoilette huschte, bekamen wir höchstens ihre Schwanzspitze zu sehen.
Ob ich an das Mädchen dachte? Wir schrieben uns per E-Mail. Sie stellte in ihrem schlichten, aber fast fehlerfreien Englisch Fragen zu Wien und den Schlössern und Parks. Sie schrieb, dass sie gern in Europa Architektur studieren würde. Ab und zu fügte sie einen deutschen Satz ein, den sie mit Hilfe eines Wörterbuchs zusammengesucht hatte. Ich überflog ihre langen Briefe im Büro, schrieb ein paar Worte in der Art, dass ich mich gern an die Stunden mit ihr erinnere und dass ich mich von ihr umkreist fühle wie von einem Stern. Genauer, aber unpoetischer, hätte ich schreiben müssen, sie umkreise mich wie ein Mond und das war noch auf eine zweite Weise wahr. Denn der Mond war wie ihr Bild mal ganz, mal halb, mal gar nicht sichtbar, abhängig von jenem dritten Gestirn, der Erinnerung. Wie konnte ich den wenigen Stunden trauen, in denen wir uns kennen gelernt hatten. In einer anderen Welt, in einer Ausnahmesituation.
Wir hatten uns nichts versprochen. Trotzdem zog ich es vor, Josephine nichts davon zu erzählen. Irgendwann schlief der Kontakt von selbst ein. Vielleicht war auch ich es, der aufhörte zu schreiben.
Ein paar Jahre später rief eine Frau im Büro an und sagte auf Deutsch, sie sei Rashmila aus Nepal und ob ich mich noch an sie erinnere. Mir fiel der Hörer aus der Hand und beim Hochheben muss ich versehentlich eine Taste berührt haben. Die Verbindung war beendet. Ich rief die Nummer zurück. Ich entschuldigte mich und fragte, wer dort sei. Rashmila sprach nun Englisch. Ich fragte in irgendeiner Geistesgegenwart, wo sie sich gerade aufhalte.
I´m in Vienna, antwortete sie selbstverständlich.
Where are you?, fragte ich noch mal.
In a hotel in Porzellangasse.
Stay where you are, rief ich in den Hörer und rannte am fragenden Gesicht meines Kollegen vorbei aus dem Büro. Im Taxi versuchte ich einen klaren Gedanken zu fassen und fragte mich, ob es nicht etwas voreilig war, zu ihr zu fahren ohne nach Begleitumständen zu fragen. Es konnte ja sein, dass sie geheiratet hatte und mit ihrem Mann durch Europa reiste. Aber viel stärker war der Wunsch, sie zu sehen, sie mit dem Bild abzugleichen, dass ich mir von ihr gemacht hatte.
In der Lobby des Hotels saß eine Frau mit Pagenschnitt und einer eleganten Anzugjacke über einem lila Rock, dessen goldener Rand auf dem Boden schleifte, als sie strahlend auf mich zu kam, ihre weißen Perlenzähne entblößte und meinen Namen nannte. Wir aßen in einem kleinen Restaurant, dass ich gut kannte, weil ich dort sonst mit Josephine aß und wir erzählten, als würden wir nur an die letzte E-Mail anknüpfen und mir fiel wieder ein, dass uns in den wenigen Stunden damals mehr verbunden hatte als eine körperliche Anziehung und dass mir zwar immer ihre knabenhaften Hüften und die schwarzen Augen vorgeschwebt hatten, aber nur, weil es das einzige Konkrete an dieser Erinnerung war. Ihr Körper war weiblicher geworden und sie sah so unwahrscheinlich schön aus, dass ich ihr gegenüber nie etwas anderes empfunden hätte als das Hingezogensein zu etwas Unerreichbarem. So und auch nur so, konnte ich Josephine die ganze Geschichte erzählen, denn ich wollte Rashmila nicht von meinem Leben ausschließen, ich wollte, dass sich beide Frauen kennen lernten und irgendwie ließ sich Josephine von der Harmlosigkeit der ganzen Sache überzeugen und stimmte zu, dass Rashmila ein paar Tage bei uns wohnen konnte.
Als Rashmila die Wohnung betrat, geschah etwas Merkwürdiges. Die beiden Frauen hatten sich gerade zurückhaltend begrüßt, als Kumari am Ende des Flures auftauchte, kurz stehen blieb und, wie es schien, unseren Gast anvisierte. Sie gab ein Tönchen von sich und wandelte in aller Seelenruhe in die Küche zurück. Beim Essen saß Kumari in einiger Entfernung auf dem Sofa, wo sie noch nie gesessen hatte und Rashmila hatte kaum ihr Besteck aus der Hand gelegt, da sprang ihr die Katze auf den Schoß und ließ sich streicheln.
Josephine versuchte sich ihre Gekränktheit nicht anmerken zu lassen und ich sagte im Scherz, dass Rashmila und die Katze die gleiche Sprache sprächen.
Ich machte für Rashmila eine Liste, wann sie welche Sehenswürdigkeit besichtigen könnte, erklätte ihr die Wege auf dem Stadtplan und versprach, am Wochenende mit ihr nach Schönbrunn zu fahren. Als ich am Donnerstagabend nach Hause kam, fand ich einen Zettel. Sie bedankte sich für unsere Gastfreundlichkeit und sei schon auf dem Weg nach England, wenn wir den Zettel finden würden.
Kurz darauf wurde Kumari krank. Der Arzt röntgte sie, entnahm Blut. Er konnte nicht sagen, was es war und verwies mich an einen Tierpsychologen.
Die Krankheit wirkte sich so aus, dass Kumari den Futterbecher nicht mehr ausschleckte, und sich in der Küche ihren Platz eine Etage tiefer neben der Arbeitsfläche einrichtete. Sie flitzte auch nicht mehr auf Toilette, sondern ging gemächlich, und alles hätte genauso gut als Zeichen einer normalen, gesunden Katze gelten können, wenn ihr nicht eine unbeschreibliche Traurigkeit anlastete.
Nach zwei Jahren kam per Post eine Nachricht aus England über Rashmilas Vermählung mit einem deutschen Ingenieur und sie lud uns herzlich aber augenfällig der Höflichkeit wegen zu ihrer Hochzeit ein. Uns. Dieses Uns bestand bald nur noch aus Kumari und mir. Josephine offenbarte mir, dass sie schon seit einiger Zeit ein Verhältnis mit einem Kollegen hatte und dass es an mir lag, weil ich für die Katze mehr Aufmerksamkeit übrig gehabt hätte als für sie. Es half nicht, ihr die schönen Stunden, die überwundenen Krisen, die gewachsene Verbindung aufzuzählen.
Ich ertappte mich dabei, dass ich immer häufiger an Rashmila dachte und versuchte, mir sie in England an der Seite eines Mannes vorzustellen, der wahrscheinlich zur Hochzeit einen Vertrag mit ihr abgeschlossen hatte, der schon die Scheidungsbedingungen festlegte. Ein deutscher Ingenieur. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Dafür wurde unser Spaziergang durch den ehemaligen Klostergarten wieder so lebendig, als wären zwischendurch nicht ganze sieben Jahre vergangen. Ich sah sie unter dem Torbogen mit vergoldeten Drachen und Schlangen stehen, als wir uns verabschiedeten. Nicht einmal einen Kuss haben wir gewagt. Sie glaubte an die Wiedergeburt und hatte mir fest in die Augen gesehen und ohne einen Anflug von Traurigkeit gesagt: Also dann, bis zum nächsten Leben.

Alle Rechte vorbehalten.
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Mittwoch, 1. August 2007

Sorry,

hier gab es aus Versehen keine Story. (Kleine Internetabstinenz)
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Sonntag, 1. Juli 2007

Die Inspiration

Seit Jahren wurden seine neuen Filme gar nicht mehr beachtet oder wenn, dann mit keinem guten Wort bedacht. Die Sexualität dränge sich proportional entgegengesetzt zum körperlichen Vermögen in den Vordergrund. Seniles Alterswerk und so weiter.
Eine amerikanische Schauspielerin hatte sich geweigert, vor laufender Kamera die Genitalien ihres Kollegen in den Mund zu nehmen. Die Szene wurde erst abgeändert, dann ganz gestrichen. Die Kleiderverbrennung im KZ musste man durch geschickte Schnitte so zusammensetzen, dass der Eindruck entstand, die Häftlinge stünden nackt vor dem brennenden Haufen. Sein neuer Film soll ein Opus werden, vielleicht sein letzter Film, ein Vermächtnis.
Mireille saß von ihren beiden kichernden Freundinnen umschlossen im Flur des Hotels. Hundert Euro für einen Drehtag, das war leicht verdientes Geld. Dazu bräuchte sie sich nur auszuziehen und in Aspik gießen zu lassen. Selbstverständlich würde der Kopf draußen bleiben, hatte der Assistent versichert. Er tauchte in der Tür auf und raunte: Fleischbeschauung und deutete ihnen mit der Hand den Weg nach drinnen. Der Maestro war noch nicht anwesend. Sein Assistent telefonierte, goss Champagner nach– in zwei Runden, damit er nicht überschäumte und sagte durch die Zähne hindurch, dass sich die Mädchen schon mal entkleiden könnten. Der Anblick nackter Körper war ihm so geläufig wie das immer wechselnde Interieur eines Hauses dem Auge eines Nachlassverwalters. Die Mädchen pellten sich aus ihrer Winterkleidung, legten das Kichern ab. Mireille hockte sich auf einen Stuhl und legte ihre Wolljacke um die Knie. Der Maestro erschien mit rotem Schal, von seinem Stab und einer seifigen Haschischwolke umgeben. Er rieb sich nicht die Hände und sagte, dann wollen wir mal, sondern schickte seinen Assistenten mit der Frage, ob er die jungen Damen Schauspielerinnen erfrieren lassen wolle, aus dem Raum, um einen Heizlüfter zu besorgen. Er nippte am Glas, verzog das Gesicht, rückte an seiner Sonnenbrille herum und da der Assistent nicht zurück zu kommen schien, beratschlagte er und meinte dann, er würde es kurz machen, die Damen mögen einzeln vortreten.
Mireilles Freundin, die das Casting in der Zeitung entdeckt hatte (Mensch, hundert Steine am Tag!), setzte ihr langes Bein in den Scheinwerferkegel, dann zog sie ihren Körper nach wie eine Katze. Sie ließ ihr Hemd wie einen Propeller über sich kreisen, drehte sich um sich selbst, wobei die fleischigen Pobacken ihren Stringtanga überquollen.
Und?, flüsterte eine Frau aus dem Stab, die rechts hinter dem Polsterstuhl stand und sich zum Ohr des Maestros vorbeugen musste. Doch, ganz fern erreichte ihn etwas. So wie die Erinnerung an Bewegung in einer seit langem gelähmten Hand, wie ein Impuls, der zwar letztlich ins Leere ging, doch immerhin, ein Impuls.
Das ist ein guter Ort, antwortete er, ich hab’s gleich gespürt.
Die Nächste bitte, sagte gläsern lächelnd die Assistentin mit geflochtenen Zöpfen und einem T-Shirt mit dem Aufdruck „Homeless No. 10“.

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Freitag, 1. Juni 2007

Die Wärterin

Ein Zug war nicht zu sehen. Die Sicht auf die Gleise wurde zu beiden Seiten durch Büsche und Kurven beschränkt und da die Zikaden an diesem Sommerabend lärmten, als wäre der Sommer am nächsten Tag vorüber, konnte er nicht hören, ob ein Zug nahte. Er saß auf dem ausgeschalteten Mofa, ein Bein zur Seite gestützt und maß mit den Augen den Abstand von einer Schranke zur Gegenüberliegenden. Er sah einen ausgetretenen Pfad, der um das Warnkreuz herumführte. Er überlegte, welche Züge diese Gegend durchquerten und er konnte sich nichts anderes vorstellen als einen Güterzug oder einen Personenzug dritter Klasse, obwohl es ebenso möglich war, dass der Hochgeschwindigkeitszug, der den Süden im Zweistundentakt mit der Hauptstadt verband, durch diese gottverlassene Gegend fuhr. Bis zu den Kurven waren es auf beiden Seiten weniger als hundert Meter. Er rechnete sich aus, dass er die Schiene noch in Ruhe überqueren könnte, wenn er einen Güterzug um die Kurve biegen sah.
Das Bahnwärterhaus besaß in der obersten Etage zu drei Seiten Fensterfronten. Er bemerkte schemenhaft eine Person. Ein junges Mädchen trat ans Fenster. Er wusste nicht, was ihn dazu bewegte, ihr ein Zeichen zu geben, vielleicht weil er einen schweren Tag hinter sich hatte und eine gelassene Müdigkeit spürte. Vielleicht, weil er auf dem ganzen Weg keine Menschenseele getroffen hatte. Er deutete mit der flachen Hand auf die Bahnschiene und hob fragend die Schultern. Sie verstand. Sie zeigte mit dem Daumen nach rechts und tippte dann auf das Armgelenk, als trage sie daran eine Uhr. Er wandte sich wieder der Schranke zu und der Fortführung der Straße auf der anderen Seite. Er fühlte ihren Blick auf sich ruhen.
Als er wieder hoch sah, hatte sich das Mädchen ans Fenster gesetzt. Sie drückte eine schwarze Katze an ihren Leib. Von fern meinte er einen Zug zu hören. Das Mädchen stieß ihren Kopf verschmust gegen den Kopf der Katze. Das Geräusch wurde lauter. Das Mädchen öffnete ihre Bluse und drückte die Katze gegen ihre nackten Brüste. Der Schnellzug schoss mit seinem weißen schlangenhaften Kopf um die Kurve. Die Druckwelle ließ ihn ein wenig zurückweichen. Seine Haare flohen im Wind. Als der Lärm abgeschwollen war, saß das Mädchen nicht mehr am Fenster. Genauso phantomhaft, wie der Zug gekommen war, verschwand er wieder zwischen Bahnhängen und sonnenversengten Feldern.
Er startete den Motor und spürte die Vibration durch das Sitzpolster hindurch. Die Schranke tat keinen Wank. Er blickte wieder am Bahnwärterhäuschen hoch. Das Mädchen öffnete das Fenster und kletterte auf das schmale Fensterbrett. Sie hatte die Bluse lose über die Brüste geschlagen und sah ihn unverwandt an. Sie griff nach ihrem Rocksaum und zog den Rock in winzigen Rucken über die Knie. Er heftete seinen Blick auf die Schranke, die im leichten Wind kaum merklich schwankte. Er wartete. Dann schaltete er den Motor wieder aus, stieg ab und bockte das Mofa auf den Ständer.
Hör mal, rief er, willst du mich nicht endlich rüberlassen?
Das Mädchen zog den Rock noch etwas höher. Zwischen ihren Schenkeln tauchte ihre scheinbar noch nicht sehr dicht behaarte Scham auf. In ihrem Rücken strich die Katze entlang und reckte den zitternden Schwanz in die Luft.
Komm doch rauf, sagte das Mädchen und bevor er etwas erwidern konnte: Es gibt nur ein Problem. Mein Vater hat unten die Tür abgeschlossen.
Er sah auf die grün gestrichene Holztür und dann wieder auf die Schenkel des Mädchens.
Wie soll ich denn da rauf kommen?

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Dienstag, 1. Mai 2007

Black out

Ein Anruf mitten in der Nacht. Mein Rucksack steht wie immer gepackt nahe der Tür, das Handy ist geladen, die Filme für die Kamera liegen im obersten Kühlschrankfach.
Der Flug ist schon reserviert, Bomberger braucht nur noch mein Ja und er muss nicht lange herumreden, dass ich sein bester Mann für einen solchen Einsatz sei, wegen des Kalküls und der Besonnenheit und so fort, auch mit dem Honorar braucht er nicht zu locken - die Arbeit ist mir auf den Leib geschnitten. Jedenfalls kann ich mir keine andere vorstellen, so wird es wohl sein. In der Zeit zwischen einem Auftrag und dem Nächsten vegetiere ich. Mein Herzschlag ist heruntergefahren, als hielte ich Winterschlaf und dann, ein Anruf, bin ich 200 Prozent wach und breche in meinem Appartement auf, um 10, 12 Stunden später in einer anderen Sprache ausgespuckt zu werden, in einem anderen Klima, mitunter mitten in einem Blutbad.
Im Flugzeug lese ich die 20 Seiten vom Pressearchiv, die mir Bomberger zum Flughafen gefaxt hat. Mehr gab es nicht. Unsere Medien werden auf einen Konflikt erst aufmerksam, wenn er schon übergekocht ist. Die Zeit war zu knapp gewesen, um eine kugelsichere Weste zu besorgen. Ich habe noch Bombergers Stimme im Ohr, wie er mir Hals- und Beinbruch wünscht, seine Stimme zitterte leicht, vielleicht lag es nur daran, dass er mit dem Mobiltelefon am Ohr irgendwo entlanglief. Ich solle keinen Schritt von der Hauptstraße abweichen, das halbe Land sei vermint, am besten gar nicht zu Fuß gehen und mir einen einheimischen Fahrer nehmen, einen, der an seinem Leben hängt.
Die Abläufe zwischen dem Flughafen und dem Hotel sind in jedem Land gleich. Dann hält das Taxi vor einem Gebäude, das wie ein Rohbau aussieht. Es ist das einzige Hotel in der Stadt, in dem es noch Strom und Wasser gibt, wie der Fahrer sagt. Unterwegs hatte er sich geweigert, anzuhalten, als ich eine Leiche fotografieren wollte, die rücklings auf dem Fußweg lag.
Die Hotelhalle wirkt gespenstisch. Normalerweise treffe ich hier Kollegen von den Fernsehstationen und erfahre die ersten Details. Orangebraune Haut, schwarze, nach hinten gebundene Haare, die Frau am Empfangstresen hält die Augen niedergeschlagen, mein Blick hängt an ihren Lippen, aber ich höre kaum, wie sie mir in gebrochenem Englisch das Übliche erklärt. Als sie sich zur Seite neigt, weht ein zarter Duft zu mir herüber. Eine muskulöse und trotzdem kindliche Hand schiebt mir den Schlüssel über die Theke.
Ich bringe meine Sachen in das Zimmer. Die Arbeit beginnt. Wenn ich nach einem Bombenabwurf aus einem Keller trete, sind mit der versenkten Luft die Fragen da. Wer? Wo? Was? Wann? Warum? Wenn mir jemand das Gehirn zerschießen würde, wären die Fragen noch im Rückenmark gespeichert.
Das Telefon in der Hotelhalle ist tot. Die Frau erscheint nicht am Empfang, auch nicht, als ich die silberne Glocke drücke, die in der ärmlichen Umgebung wie ein Beutestück aussieht. Ich würde mich zu dem Ort durchfragen müssen, an dem ich meinen Informanten zu treffen hoffe und auf dem Weg dorthin das Foto machen. Auf der Straße höre ich weder Autos, noch Vögel. Maschinengewehrsalven wären mir fast noch lieber als diese Stille. Reste von rudimentären Möbeln liegen vor den geplünderten Häusern. Ich orientiere mich am Stand der Sonne, an den Schatten, die die Behausungen werfen. Ich sehe die Leiche. Ein Hund macht sich an einem Arm des Toten zu schaffen. Er knurrt, als ich näher komme, zerrt vergeblich mit wütend gefletschten Zähnen, zieht dann den Schwanz ein und verschwindet zwischen den Häusern.
Mir war schon im Taxi klar geworden, dass ich dem Zeitungsleser zum Frühstück keine Leiche anbieten kann. Ich muss ein Detail finden, dass den Schrecken des Ganzen symbolisiert. Beim ersten Vorbeifahren trug der Tote noch seine Schuhe. Ich stelle scharf und fotografiere seine nun nackten Füße. Jemand hat die Schuhe gestohlen. Die Leichenflecke sieht man auf schwarzweiß kaum und die Geschichte gar nicht. Die muss ich dazu schreiben.
In drei Tagen geht mein Flug zurück. Drei Tage Zeit, um bestenfalls den Rebellenführer ausfindig zu machen, mit viel Geschick ein Interview oder aber wenigstens ein paar Hintergrundinformationen, einen roten Faden in einer Sache, die von oben so verworren aussieht.
Mister!, höre ich es hinter mir leise rufen. Ich drehe mich um und sehe niemanden.
Don’t go there!

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